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Der Vatikan, ein Schlachtfeld





Rom/Saarbrücken
Der Vatikan, ein Schlachtfeld
20. April 2017, 02:00 Uhr
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Ja, das Hüten der Schäfchen ist keine leichte Sache – da entspannt Papst Pius XIII. (Jude Law) gerne mal bei einer Zigarette. Foto: Polyband

Foto: Polyband
Der TV-Mehrteiler „The Young Pope“, der von einem Papst mit manchmal teuflischen Zügen erzählt, ist ein Heidenspaß.

Ein göttliches Zeichen? Oder doch nur ein schlichter metereologischer Zufall? Die finsteren Wolken über dem Petersplatz lösen sich auf, als der neue Papst Pius XIII. den Balkon des Petersdoms betritt; die Sonne bricht durch und wärmt die Tausenden von Gläubigen, die ihre Tausende von Regenschirmen zusammenklappen. Des Papstes erste Rede lässt dann den Vatikan in seinen Grundmauern erzittern: mehr Freiheit! mehr Verhütungsmittel! Auch Frauen sollen Messen lesen dürfen! Kein Wunder, dass drei Kardinäle synchron in Ohnmacht fallen und eine Gruppe von Nonnen Freudentränen vergießt.

So beginnt die zehnteilige TV-Reihe „The Young Pope“, die jetzt auf DVD/Blu-ray erscheint und erzählerisch gleich einen Haken schlägt: Denn das alles war nur ein Traum des frisch gewählten Papstes (Jude Law). Allerdings kein Traum der Verheißung, sondern, zumindest aus seiner Sicht, ein Albtraum. Lenny Belardo heißt er bürgerlich, ist der erste Amerikaner im Amt und nicht der Wunschkandidat des Konklave – seine Wahl scheint die Folge di-plomatischer Mauschelei zu sein; einige Kardinäle erhoffen sich in ihm einen telegenen und leicht lenkbaren Pontifikats-Naivling. Doch rasch dämmert der machtgewohnten Führungsriege, wen sie da vor sich hat – die Strippenzieher scheinen ihren Meister gefunden zu haben. Der wirkt nur auf den ersten Blick progressiv bis revolutionär, wenn er Zigaretten schmaucht oder zum Frühstück eine Diät-Cola trinkt; aber in ihm glüht ein erzkonservatives Herz.

Der italienische Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller Paolo Sorrentino (46) hat diese Reihe geschrieben und inszeniert. Sein Film „La grande Belezza – Die große Schönheit“, der 2014 den Auslands-Oscar gewann, porträtierte die italienische High-Society hintersinnig und in opulenten Bildern. Das Format einer knapp zehnstündigen Reihe gibt Sorrentino nun die Möglichkeit, einen römischen Mikrokosmos zu malen wie ein riesiges Fresko; bevölkert ist es von plastischen Figuren, die man schnell zu durchschauen scheint, die aber stets übliche Erwartungen unterlaufen. Ist Pius der eisige Manipulator mit der Lust an der Macht? Oder im Herzen noch ein kleiner verschreckter Junge, der bis heute darunter leidet, dass seine Hippie-Eltern ihn im Waisenhaus entsorgt haben?

So sieht es zumindest sein Mentor, der selbst Papst werden wollte, von seinem Schüler aber letztlich ausgetrickst wurde – weswegen er sich nach der Wahl fast die Pulsadern aufgeschnitten hätte. Pius engagiert die Nonne (Diane Keaton), die ihn im Waisenhaus großgezogen hat, sofort als enge Assistentin – um sie nach einem Disput vorerst zu degradieren. Sein zentraler Gegner ist Kardinal Voiello (Silvio Orlando), der erst als machtversessener Strippenzieher erscheint, dann aber ganz unerwartete Züge zeigt. Gerade die Gespräche zwischen Voiello und Pius sind eine Freude – bei diesem Parlieren in hochherrschaftlichen Räumen wird nie die Stimme erhoben; aber jedes Wort ist eine Waffe, jeder noch so oberflächlich scheinende Dialog ist ein Scharmützel. Pius erweist sich als Meister der kaltlächelnd und lustvoll verabreichten Demütigung, wenn er etwa einen missliebigen greisen Bischof vom warmen Rom ins eisige Alaska versetzt. Den Satz „Ich werde nie den Nächsten lieben wie mich selbst“ glaubt man diesem Narziss sofort, der in intimen Momenten bekennt: „Ich bin nicht tiefgründig, ich bin überheblich“. Ist dieser Pius nun ein schlichtes Ekel? Oder hat er ein höheres Ziel? Wenn ja, welches?

Die Serie, die bald fortgesetzt werden soll, hält das in der Schwebe, und Jude Law spielt diesen widersprüchlichen Charakter, den auch Zweifel am Glauben plagen, ungemein lebendig. Die schwarzhumorige Handlung um Kirche, Glaube (den der Film durchaus ernst nimmt), Glaubensvermarktung, Machtsicherung und unterdrückte Libido kleidet Sorrentino in eine opulente Optik: Er zelebriert Pracht und schöne Roben (im Abspann wird Giorgio Armani gedankt), lässt die Kamera durch große Räume schweben – es sind sonnendurchflutete Schlachtfelder. Dies alles ist, um im Bild zu bleiben, zum Niederknien.

Erschienen bei Polyband.






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