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Aufgeblasenes Sofa, aufgeblasener Abend





Saarbrücken
Aufgeblasenes Sofa, aufgeblasener Abend
Von  Christoph Schreiner, 
21. März 2017, 02:00 Uhr
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Wer hat Platz in der Komfortzone? Szene aus „Heimatfront“. Foto: Andreas J. Etter

Foto: Andreas J. Etter
„Heimatfront – Das Desaster kehrt zurück“: Die wenig ergiebige Performance von „MS Schrittmacher“ in der Alten Feuerwache.

„Komfortzone“ ist das neue Lieblingswort pseudo-intellektueller Diskurse. Das aufgeblasene Sofa, zentrales Requisit des sonntäglichen, dürftig beklatschten Gastspiels der Berliner Performancegruppe „MS Schrittmacher“ in Saarbrückens Alter Feuerwache, symbolisiere „unsere Komfortzone“, erklärte Regisseur Martin Stiefermann danach im Publikumsgespräch. Womit wir mitten im zentralen Stückproblem von „Heimatfront – Das Desaster kehrt zurück“ (Titel des Performanceabends) wären. Mag man den Analogieschluss Sofa-westliche Wohlstandgesellschaft vielleicht auch ohne erklärende Handreichung der Schrittmacher leisten: Viele der Regieeinfälle erschlossen sich nicht.

Wieso die drei Performer (Antje Rose, Jorge Moro, Nicky Vanoppen) sich zwischendurch in schulterzuckenden Rhythmen zu Vogelzwitschern bewegen? Keine Ahnung. Wieso nur an einer Stelle des ansonsten textlosen, einstündigen Abends eine winzige Gesprächssequenz auftaucht (mit dem Kernsatz „unser Wohlstand ist patentgeschützt“)? Keine Ahnung. Was uns Stiefermann & Co über eine Reihe dargebotener, abgestandener Kapitalismus-Kritikphrasen (wir bereichern und vergnügen uns auf Kosten anderer Länder, produzieren Elektroschrott, verantworten den Klimawandel et cetera) mitteilen wollen, bleibt nebulös. Sollte ein von der Bundeskulturstiftung üppig gefördertes Performanceprojekt wie dieses, das nach eigenen Worten zuhauf „Wissenscrowdfunding“ (Stiefermann) betreiben konnte, inhaltlich nicht etwas mehr zustande bringen als die üblichen Konsumkritik-Platitüden?

Immerhin wurde der Abend als Zwischenergebnis eines fast zweijährigen (!) „MS-Schrittmacher-Rechercheprojekts“ angekündigt. Unter dem Titel „Quo vadis, bellum?“ wurde es, mit dem Saarländischen Staatstheater als Kooperationspartner, zwischen April und Oktober 2016 von vier Gesprächsforen in der Alten Feuerwache zu Ursachen und Veränderungen von Kriegen und Konflikten begleitet.

Während die diskursive Essenz des Heimatfrontprojekts insoweit kläglich ist, ist immerhin dessen künstlerischer Ertrag recht ergiebig. Zum Beispiel die Idee, Wohlstandskritik in einem mit Playmobil-Accessoires (und Star Wars-Pez-Figuren) bestückten Aquarium zu servieren, dessen Miniaturkulisse per Kamera auf Bühnenbildgröße hochgezoomt und erst zur Müllhalde und dann geflutet wird (Ausstattung: Anike Sedello). Oder die finale, technoide Videoeinspielung (Videos: Erato Tzavara), die fast dadahaft wirkende, plastikbehangene, sich ins Endlose vervielfältigende Wesen zeigt und die sich als eine rein visuelle Technikkritik lesen lässt. Und dabei mehr Sogkraft hat als die mal automatenhaften, mal Haltlosigkeit demonstrierenden Bewegungsabfolgen der drei Performer.

Tänzerisch lässt sich substanzielle Zeitkritik mit einer solchen, allzusehr nur untermalenden Choreografie kaum betreiben. Nichts machte dies deutlicher als die spätere Publikumsgespräch-Bemerkung von Choreograph Stiefermann, das Bespringen des (performerisch wie symbolisch reichlich überstrapazierten) Sofas sei als Fluchtmetapher zu verstehen: als Versuch, bei uns in Europa Fuß zu fassen. Dies herauszulesen aus der Art, wie Antje Rose das Möbelstück ansprang und als Trampolin nutzte, verlangt schon sehr viel Komfortzonen-Phantasie.

Am 10. Juni wird „MS Schrittmacher“ im Saarbrücker Garelly-Haus (neben der Sparte 4) unter dem Titel „2121“ die eigentliche Bilanz seiner Recherchearbeit im Rahmen von „Quo vadis, bellum?“ zeigen.


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