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Schlingmann und die Liebe zu den Italienern





Saarbrücken
Schlingmann und die Liebe zu den Italienern
20. März 2017, 02:00 Uhr
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Luft, Licht und ein Hauch von Papier: Dagmar Schlingmanns Inszenierung der Fernostoper „Madama Butterfly“ 2011 brauchte nur wenig, um große Illusion zu schaffen. Foto: Bettina Stöß Foto: Bettina Stöß
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Oper ist auch in der größten Hütte: „Rigoletto“ 2013 mit Elizabeth Wiles in Völklingen.Foto: Becker& Bredel Foto: Becker& Bredel
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Dagmar Schlingmann Foto: dpa

Foto: dpa
Dagmar Schlingmanns Intendanz am Saarbrücker Theater neigt sich dem Ende zu. Aus diesem Anlass halten wir – vor ihrem „Othello“ am Samstag – Rückschau auf ihr Wirken als Regisseurin. Zum Auftakt ein Blick auf ihre Musiktheater-Arbeiten.

Kurz gesagt: Als Dagmar Schlingmann 2006 Intendantin am Saarländischen Staatstheater (SST) wurde, kam eine Frau des Schauspiels. Besser noch des Sprechtheaters. Für die Bühne wurde die Niederrheinerin schließlich in Assistenzen bei Brecht-Schüler B.K. Tragelehn sozialisiert und dem einstigen DEFA-Mimen Manfred Karge. Da bekam jedes Dramatikerwort noch zusätzliche Ideologie-Fracht. Gemessen an diesen Lehrjahren zeigte sich Schlingmann in Saarbrücken allerdings als eher unpolitische Bühnenarbeiterin. Womöglich aber hat sie sich auch einfach erfolgreich von ihren Lehrherren emanzipiert.

Jetzt verlässt uns jedenfalls eine veritable Generalistin, die als Regisseurin im Saarland gerade mit ihren Opern-Taten im Gedächtnis bleiben dürfte. Gerne flirtete sie hier mit den Italienern: Verdi, Puccini, Rossini. Auch wenn es nicht immer zur ganz großen amore reichte. Modernes: Fehlanzeige.

Ihre bei weitem populärste Produktion hatte sie 2013 mit dem „Rigoletto“ in der Gebläsehalle der Alten Völklinger Hütte: Verdi zwischen Altmetall, aber mit Welterbe-Prädikat. Ein Spektakel, das auf Anhieb den Das-muss-man-gesehen-haben Status schaffte. Dabei war's im Grunde eine Notgeburt. Das Saarbrücker Theater musste ausweichen, die Technik des Großen Hauses wurde saniert. Es hätte eine Bibber-und Bangen-Saison werden können ohne die wichtigste Spielstätte, die sonst (Publikums)-Masse bringt. Doch mit einem Zelt auf dem Theatervorplatz und eben dem „Rigoletto“ in Völklingen wurde die Not- zur Erfolgssaison. Man setzte sich mit Kreativität über Probleme hinweg. Generell eine Stärke der Schlingmann-Intendanz.

Fast exemplarisch zeigte der „Rigoletto“ auch Schlingmanns Qualitäten in der Opernregie. Die 56-Jährige hat ein geradezu intuitives Gespür für Räume – und wie man sie mit Bildern erfüllt. Das ließ bereits ihr Operndebüt 2007 mit „La Traviata“ anklingen. Wobei die von einer Schauspielregisseurin eher zu erwartende Konzentration auf die Figuren im Musiktheater meist zweitrangig blieb. In der Gebläsehalle sah sie jedenfalls sofort nicht nur das Ausweichquartier. Die Windmaschinen, stählerne Titanen einer vergangenen Zeit, erhob sie zu Mitakteuren. Zudem ließ sie Musiker und Publikum wandern zu diversen Schauplätzen in der Halle. So schaffte frau Ereignisse.

Dagmar Schlingmann, die mit Bühnenbildnerin Sabine Mader und Inge Medert (Kostüme) eine Art Inszenierungs-Schwesternschaft bildet, widersetzte sich damit auch der Opulenz ihres Intendanten-Vorgängers Kurt Josef Schildknecht. Wo der Bühnen in funkelnde (und teure) Pretiosen verwandelte, hielt Schlingmann mit Einfachheit dagegen. Wie 2011 grandios in der „Madama Butterfly“. Riesige Lampions schufen aus Luft, Licht und einem Hauch Papier bannendes Fernostaroma. Was aber nichts bedeutet hätte, käme dazu nicht Schlingmanns erfrischender Aus-dem-Bauch-heraus-Zugriff auf scheinbar allzu bewährte Stoffe.

Ganz gleich, wie viele andere diese schon inszeniert haben, sie politisiert oder historisiert haben, sie sucht stets nach ihrer, oft hochemotionalen eigenen Geschichte. Sie will erzählen, nicht belehren. In der „Butterfly“ stieß sie konsequent zum Kern der Story vor, entzuckerte das Nippon-Rührstück – und zeigte die Liebe wahrer Menschen. Manchmal allerdings endete diese Emotionalität, der oft spürbar das Korrektiv einer gedanklich starken Dramaturgie fehlte, auch schlicht in Unterhaltung oder gar Plattheit wie vor zwei Jahren, als Schlingmann den „Don Giovanni“ dem Publikum als abgehalfterte Johnny-Depp-Imitation aufs Auge drückte. Doch blieb das nur ein Ausrutscher. Ganz sicher wird man Dagmar Schlingmann nicht nur als Intendantin hier vermissen.

Premiere „Othello“: 25. März, 19.30 Uhr, Staatstheater. Infos und Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86.




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