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Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ im Frankfurter Städel





Frankfurt
Gefahr, Dein Name ist Frau!
Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ im Frankfurter Städel

Von  Roland Mischke, 
01. Dezember 2016, 02:00 Uhr
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Männer kann man plattsitzen: Gustav Adolf Mossas Gemälde „Elle“, das 1905 entstand. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Laurent Thareau Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Laurent Thareau
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Meret Oppenheims Schuh-Werk „Mein Kindermädchen“ (1936/1967). Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016/ Moderna Museet Stockholm

Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016/ Moderna Museet Stockholm
So verquält war einst die Sexualität: Das zeigt die Schau „Geschlechterkampf“ im Frankfurter Städel. Dort sind die Frauen femmes fatales, Märtyrerinnen, Heilige und Huren.

Jahrtausende lang waren die Männer das „starke Geschlecht“. Doch nach 1880 schwächelte das Patriarchat. Die Männer hatten auf einmal Angst vor den Frauen, Künstler jedenfalls. Im letzten Finale des 19. Jahrhunderts durfte nämlich das weibliche Geschlecht nackt dargestellt werden, ohne dass die Sittenpolizei mit Pickelhaube anmarschierte. Das war verlockend für Pinselartisten, aber die Freiheit war dennoch gefährlich. Mehr und mehr Künstlerinnen traten auf den Plan, gründeten Gemeinschaften, stärkten sich untereinander und widerstanden männlichen Vorstellungen und Vorurteilen. Die Vorhut der feministischen Bewegung ging in Konkurrenz mit den Malern.

In der Schau im Frankfurter Städel sind die Männer überrepräsentiert, von 150 Bildern stammt nur ein Viertel von Künstlerinnen. Wo Großformate hängen, steht ein Männername darunter. Für Künstler waren Frauen fremde sexualisierte Wesen, die mit ihren Körpern Macht ausüben. Der französische Maler Gustav Adolf Mossa schuf das Ölbild „Elle“ (1905), auf dem eine nackte Kindfrau mit prallen bloßen Brüsten und einem kräftigen Po auf einer Männerhalde sitzt, Blut an den Schenkeln und Knien, starr der Blick. Das lässt erschauern.

Oskar Kokoschka, dessen Frau Alma Mahler ihn verlassen hatte, rächte sich mit einer Puppe (1922), die er krampfhaft auf dem Schoß hält. Lovis Corinths „Salomé“ (1914) schaut mit Schlafzimmerblick auf die Schale, in die sie den Kopf von Johannes dem Täufer nach der Enthauptung geworfen hat. Zuvor schon hatte der Brite John Colliers aus „Lilith“ (1894) ein glattes, schlangenähnliches Weib vor düsterer Materie gemacht.

Männerfantasien, groteske Obsessionen, die nicht einmal vor biblischen Figuren haltmachten: Frauen wurden als mörderische Femme fatales, gefesselte Märtyrerinnen, schenkelspreizende Gefährdungsherde, Hure und Heilige auf Leinwände gebracht. Der Fokus der Maler liegt eindeutig auf Liebe, Eros und Sex. Oft sind die Monster Urmensch, Teufel und der Sensenmann mit im Spiel. Und blutrünstig geht es zu.

Aber Gott hat den Sex eingeführt. Auch wenn er untraditionell ausgeübt wird. Suzanne Valadon malte „Adam und Eva“ (1909), sich selbst nackt mit langem dunklen Haar und den 21 Jahre jüngeren Lebensgefährte André Utter mit Weinblättern über dem Gemächt. Die beiden greifen im Paradies nach dem Apfel. Andere Künstlerinnen kaprizierten sich auf andere Frauen oder stellten sich selbst dar, oft nackt. Da war Stolz, Trotz, das passte in die aufgeheizte Zeit zwischen 1880 und 1950, als sich so vieles zwischen den Geschlechtern änderte. Aber war es ein „Geschlechterkampf“, wie der Ausstellungstitel suggeriert? Wohl kaum, Künstlerinnen wie die exzellente Zeichnerin Elfriede Lohse-Wächtler wurden aus dem gutbürgerlichen Milieu geekelt und verarmten. Die Französin Claude Cahun mit ihren fast fotografischen Selbstporträts hatte als Avantgardistin keine Chance – die Gestapo zerstörte ihr Atelier.

Schönheit steht neben Leid, Talent neben Gewalt. Besucher geraten bisweilen in Erregung durch diese Kunst an der Peripherie zur Pornografie. Es geht nicht um Darstellungen des bloßen Weiblichen, sondern um Hemmungslosigkeit mit ästhetischen Mitteln. Geschlechtsakte sind lieblos, Biedermeierromantik fehlt. Der Kampf um Grundrechte für Frauen dagegen, die Gleichberechtigung, das weibliche Wahlrecht, die Öffnung des Arbeitsmarktes für Frauen, politische Kämpfe – das alles ist hier kein Thema.

Wie schwierig muss es in diesen Zeiten gewesen sein, eine selbstbestimmte Sexualität zu erlangen – für beide Geschlechter. Ein „ungebrochenes Schockpotenzial“, schreibt dazu der neue Städeldirektor Philipp Demandt im Katalog.

Bis 19. März. Informationen unter www.staedelmuseum.de



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