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Christoph Ransmayrs viel gefeierter neuer Roman ist stilistisch bisweilen brillant, dennoch ist er misslungen





Saarbrücken
Auf dass die Zeit selbst fliegen möge
Christoph Ransmayrs viel gefeierter neuer Roman ist stilistisch bisweilen brillant, dennoch ist er misslungen

Von  Christoph Schreiner, 
30. November 2016, 02:00 Uhr
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Ergriffenheit prägt die meisten zu Christoph Ransmayrs neuem Roman erschienenen Rezensionen: Reihenweise erliegen die Kritiker der stilistischen Anmut von „Cox oder der Lauf der Zeit“. Dabei erweist sich der überbordende Ästhetizismus des Romans als dessen größte Schwachstelle.

In Pekings Verbotener Stadt – der Anfang des 15. Jahrhunderts errichteten kaiserlichen, purpurnen Residenz, von der aus Chinas dynastische Kaiser jahrhundertelang mit höchst duldsamen Kohorten tausender Eunuchen und Konkubinen die Geschicke ihres weiten Reiches lenkten – in Pekings heutiger Touristenhochburg besuchte der Dichter Christoph Ransmayr vor Jahren den „Pavillon der Uhren“.

Und nahm von dort die Grundidee zu seinem jüngsten Roman „Cox oder der Lauf der Zeit“ mit. Das Ergebnis des erlesenen dichterischen Feinschliffs ist ein historischer Roman, geschrieben in einem unserer hochgradig zerstückelten Zeit vollends entrückten, geradezu märchenhaften Ton. Ein Werk, das nichts Geringeres unternimmt als den Versuch, die Zeitlichkeit unserer Existenz erzählerisch zu überwinden. Indem es wortgewaltig Szenen und Gedankenbilder „ohne Anfang und ohne Ende“ malt, wie es zuletzt heißt. Kann das gut gehen?

Ransmayr schickt einen englischen Uhrmacher und Automatenbauer namens Alister Cox (für den der um 1770 im Chinahandel reich gewordene, exquisite Unikate herstellende Londoner Uhrmacher James Cook Pate stand) 1753 an den kaiserlichen Hof. Im Auftrag Kaisers Qiánlóng, einem Gott gleichen „Herrn über zehntausend Jahre“ und Liebhaber kostbarster Zeitmesser, soll er mit drei mitgereisten Mechanikern einen Chronometer bauen, der „die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder sich noch drehen würden, wenn seine Erbauer und alle ihre Nachkommen längst wieder vom Angesicht der Erde verschwunden waren“. Uhrwerke will der naturgemäß vermessene Auftraggeber, die die Zeit selbst zum Fliegen bringen.

Ransmayr überstrapaziert das allegorische Potenzial seines wie eine endlose Kalligraphie daherkommenden Romans, in dem er das Reich der Mitte Mal um Mal als mechanisches Gesellschaftsgebilde zeichnet, dessen Untertanen in Akkuratesse nebst Formalismus erstarrten Spielfiguren gleichen. Weshalb die Verbotene Stadt Cox, diesem größten Automatenbauer seiner Zeit, selbst wie ein steinernes Uhrwerk erscheint, dessen Hofstaat Zahnrädern gleich in ritueller Manier die immergleichen Verrichtungen zeitigen. Alle dienen sie der Verherrlichung des ebenso feinsinnigen wie despotischen Kaisers und schrumpfen unter den gewaltigen Dimensionen von dessen Reich zu Kornesgröße. Die Hybris, die all dem zugrundeliegt, flößt Cox und seinen drei Getreuen Ehrfurcht ein und lässt sie letztlich um ihr eigenes, kleines Leben fürchten – sofern es ihnen denn nicht gelingt, die Wünsche des Allmächtigen zu erfüllen.

Daraus hätte sich ein psychologisch ausgeklügeltes Vexierspiel machen lassen, zumal Ransmayr in Cox' Familiengeschichte das Fundament dazu legt: Seine fünfjährige Tochter ist an Keuchhusten gestorben – ein Verlust, den er nie verwunden hat, zumal seine Frau seither verstummt ist. Und so dienen denn auch die Uhren, die er Kaiser Qiánlóng baut, Cox dazu, seiner verlorenen Tochter in einer anderen, überirdischen Zeit womöglich wieder nahe zu sein.

Je ausufernder jedoch in immer neuen, arabeskenhaften Variationen Cox' juwelenhafte Zeitmesser besungen und in das erhabene Kunstlicht der Hochzeit der Qing-Dynastie gerückt werden, desto mehr verfestigt sich indessen der Eindruck, dass Ransmayr auf ermüdende Weise in erster Linie sprachartistisch l'art pour l'art treibt. Und der Motivationsgrund seiner Figuren bloßes Beiwerk bleibt. Ransmayr (62) ist einer der interessantesten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit, ob man nun an seine furioses Debüt „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ (1984), an seinen Ovid-Roman „Die letzte Welt“ (1988) oder seine im Band „Atlas des ängstlichen Mannes“ (2012) gebündelten Reiseerzählungen denkt. Diesmal jedoch erliegt er auf ermüdende Weise seiner leerlaufenden stilistischen Brillanz.

Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit. Fischer, 304 Seiten, 22 €.




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