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SM-Sex, Einsamkeit und Gewalt: Schauspieler Ulrich Tukur über seinen neuen Film „Gleißendes Glück“





„Dieser Stoff ist extrem“
SM-Sex, Einsamkeit und Gewalt: Schauspieler Ulrich Tukur über seinen neuen Film „Gleißendes Glück“

19. Oktober 2016, 02:00 Uhr
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Starkes Duo, intensives Spiel: Ulrich Tukur und Martina Gedeck gehen nicht nur als Eduard und Helene, sondern auch als Schauspieler an ihre Grenzen. Foto: Wild Bunch/Central

Foto: Wild Bunch/Central
Er war der „Schindler von China“ John Rabe und Generalfeldmarschall Erwin Rommel, er verkörperte den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer und den Zoologen Bernhard Grzimek: Der wandlungsfähige Schauspieler Ulrich Tukur kommt immer dann ins Spiel, wenn es gilt, vielschichtige und ambivalente Figuren zu verkörpern. Seine international erfolgreichste Rolle war die des intriganten Oberstleutnants der DDR-Staatssicherheit Anton Grubitz in „Das Leben der Anderen“. Nun trifft der 59-Jährige wieder mit seiner Kollegin aus dem oscarprämierten Politthriller zusammen. Auf der Suche nach Lebensglück liefern sich Ulrich Tukur und Martina Gedeck ein erotisches Vexierspiel, das von zerstörerischen Gewohnheiten und verhängnisvollen Abhängigkeiten geprägt wird. SZ-Mitarbeiter André Wesche sprach mit Tukur.

Herr Tukur, der Film „Gleißendes Glück“ geht an Grenzen. Sagt man gerade deshalb sofort zu oder nähert man sich langsam an, indem man diskutiert, was gezeigt werden soll und was Kopf-Kino bleibt?

Tukur: Zunächst einmal war es eine Rolle, wie ich sie noch nie zuvor gespielt habe. Ich wusste auch nichts von der Existenz pornografischer Abhängigkeit. Ich fand es einfach interessant, einen solchen Menschen zu verkörpern. Es war Neuland. Ich habe an die 80 Filme gedreht und freue mich immer, wenn mir eine Rolle etwas Neues eröffnet, auch wenn es unangenehm ist. Dieser Stoff ist extrem. Ich habe mit Regisseur Sven Taddicken viel darüber gesprochen, welche Dinge visualisiert werden und was sich eher im Kopf des Zuschauers entfalten soll. Ich wusste, dass das Unternehmen riskant war und furchtbar schief gehen konnte. Aber das war natürlich spannend. Am Ende funktioniert es, wie ich finde, erstaunlich gut.

Was für ein Bild haben Sie sich selbst von Ihrer Figur Eduard geschaffen?

Tukur: Für mich war er zunächst ein wandelnder Widerspruch. Ein Mensch, der selbstsicher, charmant und allseits überzeugend daherkommt und den Raum um sich her völlig beherrscht. Er leistet als Ratgeber Lebenshilfe und inspiriert die Menschen mit seiner „Neuen Kybernetik“, gleichzeitig kommt er mit dem eigenen Leben nicht zurecht. Das bietet eine große Fallhöhe, die man wunderbar spielen kann. Ich habe solche Menschen kennengelernt, die selbstsicher auftraten und im Innern schwankten wie ein Bäumchen im Wind.

Inwiefern hat Sie auch die neuerliche Zusammenarbeit mit Martina Gedeck gereizt, mit der Sie bereits „Das Leben der Anderen“ gedreht hatten?

Tukur: Ich dachte immer, ich hätte schon viel mit Martina gearbeitet. Ich kenne sie eben sehr lange, weil wir beide am Schauspielhaus in Hamburg waren. Dann war ich doch verblüfft, dass es nur zwei gemeinsame Filme waren, einen „Tatort“ und „Das Leben der Anderen“. Martina ist eine der wenigen herausragenden Charakterschauspielerinnen ihrer Altersgruppe. Ich habe mich sehr gefreut, wieder mit ihr arbeiten zu können. Noch dazu in einem Film, in dem man intensiv miteinander spielen muss.

Macht es intime Szenen einfacher oder komplizierter, wenn man sich gut kennt?

Tukur: Das ist eine gute Frage (lacht). Schwer sind sie in jedem Fall. Was ich als Gluck zu spielen hatte, war nicht sooo schlimm. Seine Fantasien, die er in diesem nächtlichen Telefonat von sich gibt, spielen sich ja als Reflektion auf dem Gesicht von Frau Brindel, alias Martina Gedeck ab. Der Moment, in dem sie sich vor ihm auszieht und ihren Körper entblößt, war für mich einer der eindrücklichsten des Films. Für Helene ist es nicht einfach, diesen Schritt zu tun. Und auch für die Schauspielerin Martina Gedeck war es nicht leicht. Selbst für mich war es seltsam, weil ich da saß wie ein Voyeur, der sich das mit großen Augen anschaute. Ich hätte das nicht mit jemandem machen wollen, zu dem ich kein Zutrauen besaß.

Der Film geht mit Nacktheit sehr sensibel um, das Intimste spielt sich oft in Worten ab. Wo haben Sie beim Thema Nacktheit Ihre Grenzen gesetzt?

Tukur: Wenn es wirklich wichtig und dramaturgisch notwendig wäre, würde auch ich mich ausziehen. Aber es gibt Grenzen, die ich nicht überschreiten würde. In einer Szene von „Gleißendes Glück“ materialisieren sich die Fantasien des Herrn Gluck und im Zimmer tauchen kopulierende Porno-Darsteller auf. Das ist alles viel weniger wirkungsvoll als die Bilder, die im Kopf des Zuschauers entstehen, der im Übrigen ja ständig und überall mit sexuellen und pornographischen Darstellungen konfrontiert ist.

Helene flüchtet sich zeitweise in die Religion. Wie stehen Sie zu Religion?

Tukur: Ich bin kein religiöser Mensch. Ich verstehe aber, dass Menschen diesen Halt brauchen. Für den einen ist es irgendein Blödsinn, wie ihn Professor Gluck in unserem Film anbietet, für den anderen ist es der Buddhismus oder vegane Ernährung. Ich brauche das nicht. Ich glaube an ein paar Dinge, die wichtig sind, um durchs Leben zu kommen. Respekt vor der Kreatur, Respekt vor anderen Menschen und der Schöpfung. Und ich denke, dass Religion und Staat streng voneinander getrennt sein sollten. Wir in Europa haben den kirchlichen Terror früherer Jahrhunderte hinter uns gelassen. Die islamische Welt hat keine Reformation erlebt, die die Menschen befreit und mündig gemacht hätte, sie hat sich über eintausend Jahre nicht wirklich weiterentwickelt. Das ist ein riesiges Problem. Wir müssen also sehr aufpassen, dass sich nicht wieder eine Religion tief in Politik und Gesellschaft einmischt und zu einer Gefahr für Demokratie und Freiheit wird, die wahrhaft schwer erkämpft werden mussten.

Ab morgen in der Saarbrücker Camera Zwo.

Zum Thema:

AUF EINEN BLICK Neben „Gleißendes Glück“ starten neun weitere Filme. Die Camera Zwo in Saarbrücken zeigt noch die Liebesgeschichte „Hinter den Wolken“ von der Belgierin Cecilia Verheyden und das deutsche Fantasy-Abenteuer „Das kalte Herz“ von Johannes Naber. Im Filmhaus Saarbrücken laufen die französische Rachegeschichte „Im Namen meiner Tochter – Der Fall Kalinka“ von Vincent Garenq und die schwarze Komödie „Der Schatz“ aus Rumänien. Außerdem in den Kinos: Die romantische Komödie „Bridget Jones' Baby“ mit Renée Zellweger als 43-Jährige, die Mutterfreuden entgegen sieht; der Actionthriller „The Accountant“ mit Ben Affleck; die Kinderfilme „Burg Schreckenstein“ und „Trolls“ sowie der Horrorstreifen „Ouija – Ursprung des Bösen“. tr



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