Sie sind hier: HomeKulturSZ-Artikel aus der Druckausgabe

Eine Ausstellung über Verhüllung und Enthüllung in der Kunst von Tizian bis Christo





Düsseldorf
Was liegt hinter dem Vorhang?
Eine Ausstellung über Verhüllung und Enthüllung in der Kunst von Tizian bis Christo

Von  Welf Grombacher, 
18. Oktober 2016, 02:00 Uhr
Klicken Sie auf das Bild, um eine größere Ansicht zu erhalten.

Arnold Böcklins Gemälde „Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi“ aus dem Jahr 1867. Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler Foto: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler
Klicken Sie auf das Bild, um eine größere Ansicht zu erhalten.

Ein verpackter Käfer: Christos „Wrapped Beetle“. Foto: Christo 2014 / Wolfgang Volz Foto: Christo 2014 / Wolfgang Volz
Klicken Sie auf das Bild, um eine größere Ansicht zu erhalten.

Shirin Neshats „Faceless” von 1994. Foto: Gladstone Gallery

Foto: Gladstone Gallery
Verhüllung und Verschleierung wecken die Neugier des Betrachters, manchmal verschönern sie auch. Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf widmet sich diesem Thema nun mit der aufwendigen Ausstellung „Hinter dem Vorhang“.

Bei einer Ausstellung in Paris fragte 1964 ein Reporter den Maler René Magritte, warum auf seinen Bildern so viele Vorhänge zu sehen seien. „Wir sind umgeben von Vorhängen“, antwortete der Surrealist und verwies darauf, dass selbst der Himmel zu einem Vorhang werde, sobald er etwas verberge. Das Spiel mit dem Zeigen und Verbergen ist so alt wie die Kunstgeschichte. Und was eignet sich besser dazu als ein Vorhang, der (nicht nur im Theater) seit jeher die Vorfreude weckt und neugierig macht? Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf widmet sich mit „Hinter dem Vorhang“ jetzt der „Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance. Von Tizian bis Christo“ und zeigt eine epochenübergreifende Themenausstellung.

Schon der erste Raum zeigt die ganze Vielfalt. Da hängen die von gemalten Vorhängen gerahmten altmeisterlichen Portraits der Rembrandt-Schule gleich neben Gerhard Richters „Großem Vorhang“ (1967) und Christos „Purple Store Front“ (1964); der zweite Saal geht auf den von Plinius überlieferten Wettstreit der Maler Zeuxis und Parrhasios ein, der belegt, dass Bildvorhänge schon in der Antike bekannt waren: Der Legende nach malte Zeuxis auf seinem Bild die Trauben so lebensecht, dass Vögel sich voller Gier auf sie stürzten. Parrhasios aber übertraf das noch, indem er seinen Kontrahenten vor sein fertiges Bild führte, das mit einem Vorhang verhängt war. Erst als Zeuxis danach greifen, den Stoff zur Seite raffen wollte, erkannte er, dass der nur gemalt war. Ganzen Künstlergenerationen diente der Vorhang seither dazu, ihr Können zu zeigen.

Im Mittelalter waren Vorhänge oft vor Altären üblich, die nur zu gewissen Anlässen zur Seite gezogen wurden und Heiligenbilder so regelrecht inszenierten. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts hielten diese Bildvorhänge dann auch in Sammlungen Einzug, um besonders wertvolle Gemälde damit zu schützen. So mancher Maler erkannte das und versah sein eigenes Bild schnell mit einem echten oder auch nur gemalten Vorhang, um den Wert zu steigern. Auch einen anderen Vorteil hatten die Vorhänge. So schrieb Nicolas Poussin im Brief an einen Sammler, er befürworte einen Vorhang, weil das Auge dadurch nicht so schnell ermüde, wenn viele Gemälde nebeneinander hängen. Ein Gedanke, wie ihn 300 Jahre später der Architekt Bruno Taut hatte, der dafür plädierte, Bilder in Schubladen aufzubewahren und sie nur ab und an bewusst hervorzuholen, damit sie sich nicht „abnutzen“.

Ob es die Engel bei Lucas Cranach sind, die einen Vorhang über „Maria mit Kind“ (1515-20) ausbreiten, oder El Grecos „Heilige Veronika mit dem Schweißtuch“ (1580), die Jesus' Grabtuch wie einen Schleier vor sich hält: Durch einen Vorhang wird das Bild zu einer Bühne, der Akt des Anschauens lässt sich akzentuieren, etwas Feierliches haftet ihm an. Auch das wusste die Kirche zu nutzen. So mancher Papst ließ sich auf seinem Porträt durch einen wallenden Vorhang effektvoll in Szene setzen. Bald taten weltliche Herrscher es den Kirchenmännern nach und ließen ihre Bildnisse von edlen Stoffen umwehen. Mal lenkt der Vorhang den Blick, mal setzt er ins Bild, schafft Intimität oder verbirgt. Auf Anthonis Van Dycks „Jupiter als Satyr bei Antiope“ (1617) verdeckt er gekonnt das Geschlecht der schamhaften Amazone. Auf Peter Paul Rubens „Das Bad der Frauen“ (1635-40) hingegen dient er nicht als Schleier, um zu verhüllen, sondern wird zu einer dekorativen Draperie, die das entblößte Modell erst richtig in Szene setzt.

Verpackter VW-Käfer

In der Moderne wird das Verhüllen immer mehr zum eigentlichen Thema. Während in Arnulf Rainers „Schleierbildern“ aus den 90er Jahren noch ein Motiv existiert, das vom Künstler übermalt wurde, und auch der „Wrapped Beetle“ (1963) von Christo den Betrachter dazu aufruft, sich den realen VW-Käfer, der in eine Stoffplane gehüllt ist, vor dem geistigen Auge vorzustellen, existiert bei Marie Lund nur noch Oberfläche. Die Dänin hat in ihren „Stills“ (2015) vom Sonnenlicht gebleichte Vorhänge auf Keilrahmen gezogen, die eine geradezu malerische Qualität offenbaren. Eine aufschlussreiche Ausstellung zu diesem zentralen Thema, dem sich so ausführlich bisher kein Museum gewidmet hat.

Bis 22. Januar 2017. Di-So 11-18 Uhr, Do 11-21 Uhr.

Info: www.smkp.de



Teilen und diskutieren

Kommentieren Sie diesen Beitrag über Facebook, Twitter oder Google+:

FACEBOOK
GOOGLE+
TWITTER





Anzeige



Anzeige
Neu für Vereine:
SaarZeitung

Termin melden

Text schicken


ANZEIGE
Beilagen






Anzeige