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Zum Tod des literarischen Fährtenlesers und Saarlandkundlers Fred Oberhauser



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Saarbrücken
Citoyen, Kenner, Detektiv, Original
Zum Tod des literarischen Fährtenlesers und Saarlandkundlers Fred Oberhauser

Von  Christoph Schreiner, 
09. Februar 2016, 02:00 Uhr
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Saarländische Freu(n)de: Ludwig Harig, Fred Oberhauser (damals noch SR-Kulturredakteur), Manfred Römbell und Rainer Petto (v.l.) 1980 bei einer Lesung in der Stadtbücherei Saarlouis..Foto: René Maltha Foto: René Maltha
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„Jedes Ereignis aus dem wirklichen Leben ruft in Fred die Erinnerung an eine Stelle hervor, die er in einem Buch gelesen hat: Fred Oberhauser ist der lebendige Zeuge dafür, dass das Leben ein Buch ist und ein Buch das Leben.“ Ludwig Harig schrieb dies 1993 zum 70. Geburtstag seines alten Freundes Fred Oberhauser. Am Sonntag ist Oberhauser 92-jährig gestorben. Aus Blieskastel stammend, in St. Ingbert in einem sagenhaften Bücherreich wohnend, war er einer der großen Literaturtopographen Deutschlands und ein liebenswerter, origineller Mensch.
 
Erinnerungslosigkeit war ihm ein Gräuel. Mit Fred Oberhauser, der bis zuletzt ein wunderbares Temperamentsbündel, ein begnadeter Abschweifungsweltmeister und ein traumsicher wandelndes Literaturlexikon war, verliert das Saarland seinen größten regionalen Literaturhistoriker. Und die Republik ihren vielleicht unermüdlichsten literarischen Detailomanen. Mehr als 50 Jahre reiste er (meist mit seiner Frau Gabriele an der Seite) durch die saarländischen, lothringischen und deutschen Lande. Fred war ein literarischer Fährtenleser vor dem Herrn.

Die voluminöseste Frucht dieser monomanischen Oberhauser'schen Exkursionen war sein 2008 erschienener, 1469-seitiger „Literarischer Führer Deutschlands“ (Mitherausgeber war Axel Kahrs). Ein Wälzer, mit dem sich, um an ein Bonmot des verstorbenen Saarbrücker Germanisten Gerhard Schmidt-Henkel zu erinnern, verlässlich „die Probe aufs Kaff machen“ ließ: Der „Oberhauser“, wie man schon den westdeutschen Vorläufer dieses gesamtdeutschen Nachschlagewerks (und, nicht zu vergessen, seinen „Literarischen Führer Berlin von 1983) nannte, hielt deutschlandweit sämtliche Bezüge zwischen Autoren und Orten fest (7100 Autoren, 3700 Ortsnamen). „Diese Arbeit war die Freude meines Lebens“, bekannte Oberhauser. Aufgehoben war darin auch, was die Nazis zerstörten oder aus dem Gedächtnis löschen wollten.

Wann immer man Oberhauser traf, hatte er im Handumdrehen ein ganzes Anekdotenarsenal auf Lager, gestikulierte mitunter bühnenreif, kam vom Hundertsten ins Tausendste, sprühte vor Vitalität. Er schien über ein fotografisches Gedächtnis zu verfügen. Sein literaturgeographisches Wissen hatte er in den Jahrzehnten als Kultur- und Literaturredakteur des SR beständig ausgebaut. Neugier war sein Antriebsmotor und Verve sein modus vivendi. Oberhauser moderierte im Fernsehen den „Kulturspiegel“, verantwortete im Radio die „Bücherlese“ und die legendäre Reihe „Fahren Sie uns nach“. Er begründete das „St. Ingberter Literaturforum“, eine noch heute bestehende Institution literarisch gebildeter Bürger, und war auch sonst ein Citoyen im besten Sinne: Einmischung, Präzision, produktive Teilhabe gehörten zu seinen Lebensprinzipien. Er sprach, durchaus nicht uneitel, niemandem nach dem Mund, geizte nicht mit Kritik. Als man ihm 1994 in Mainz die Zuckmayer-Medaille verlieh, ließ er am Ende „Die Gedanken sind frei“ singen.

Fred Oberhauser war mit Leib und Seele Spurenkundler. Niemand war denn auch prädestinierter als er, das ein Leben lang am touristischen Katzentisch hockende, stiefmütterlich übersehene Saarland in der Republik endlich angemessen zu würdigen. Fred Oberhausers 1992 erschienener Kunst-Reiseführer „Saarland“, in dem er der hiesigen Industriekultur breiten Raum gab (ein kaum hoch genug zu veranschlagendes Verdienst), leistete Pionierarbeit und gehörte noch heute in jeden Regionalhaushalt, der halbwegs bei Sinnen ist. Leider ist er inzwischen vergriffen. Zuletzt arbeitete Fred Oberhauser (zusammen mit seinem Sohn Martin sowie mit dem früheren SR-Redakteur Rainer Petto und dem Saarbrücker Germanisten Rainer Marx) an einem saarländischen Literaturportal, das sein enzyklopädisches Regionalwissen bündeln sollte. Es will den schlagenden Vorteil digitaler Kompendien nutzen und als work in progress jederzeit erweiter- und aktualisierbar sein.

Wie sich „der Oberhauser“ die Sache vorstellte, zeigte ein von ihm am Beispiel St. Wendel ausgearbeiteter Prototyp. Vergeblich warb der spiritus rector bis zuletzt immer wieder um Sponsoren. Auch 2013, als ihm die Landesregierung in Anerkennung seiner großen Verdienste eine Ehrenprofessur antrug und er die Gelegenheit zum Trommeln nutzte. Vielleicht fühlt man sich ja jetzt hierzulande berufen, Fred Oberhausers großen Plan, der nun Vermächtnis geworden ist, zu beherzigen, zu unterstützen.
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