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Der Saarbrücker Pingusson-Bau dämmert vor sich hin – Buchvorstellung am Freitag





Saarbrücken
Die ungenutzte Chance
Der Saarbrücker Pingusson-Bau dämmert vor sich hin – Buchvorstellung am Freitag

Von  Johannes Kloth, 
18. Februar 2015, 00:00 Uhr
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Das Luftbild von 1954 lässt erahnen, welche Wirkung Pingussons als Botschaft geplantes Gebäude-Ensemble bei behutsamerer Stadtplanung hätte entfalten können. Foto: Landesinstitut für Päd. und Medien Foto: Landesinstitut für Päd. und Medien
Am Freitag wird in Saarbrücken ein Buch vorgestellt, das erneut den Wert des sanierungsbedürftigen Ex-Kultusministerium darlegt. Dabei geht es auch auf einen in der Debatte erstaunlich unterbelichteten Aspekt ein.
Man könnte die Situation so auf den Punkt bringen: Da steht in einer an bedeutsamen Bauwerken nicht übermäßig reichen Landeshauptstadt ein Baudenkmal von europäischer Bedeutung – und rottet vor sich hin. Welch ungenutzte Chance. Das Ensemble an der Stadtautobahn – unter französischer Verwaltung 1951-54 nach Plänen des Modernisten Georges-Henri Pingusson als Botschaft Frankreichs an der Saar errichtet – ist ein einmaliger Repräsentant einer nur zehn Jahre (1945-55) währenden, spannenden (und noch viel zu wenig erforschten) visionären Phase europäischer Nachkriegsgeschichte. In der das zerstörte Saarbrücken als mögliche Montanunion-Hauptstadt eine Schlüsselrolle spielte, für einen Moment gar an der Schwelle zu einer Zukunft als einer der modernsten Städte des Kontinents stand.

Und heute? Die Geschichte verlief bekannterweise anders. Aus der Botschaft wurde ein Kultusministerium, bis die Behörde im vergangenen Jahr auszog. Über Jahrzehnte wurde die sachgerechte Pflege des Gebäudes vernachlässigt, bis eine Grundsanierung unumgänglich schien. Nach kurzer, wie so oft hysterisch geführter Kostendebatte rief Finanzminister Stephan Toscani (CDU) im Herbst eine „ergebnisoffene Phase“ der Prüfung verschiedener Sanierungsoptionen aus. Sie dauert bis heute an. Fragt man dieser Tage im Ministerium nach, wird man auf ein ausstehendes Gutachten verwiesen, das bis Sommer fertig sein soll. Von ihm hänge, so heißt es, das weitere Vorgehen ab.

Es erstaunt immer wieder, welche Diskrepanzen in der Wahrnehmung und Bewertung des Baus herrschen: Einer relativ kleinen, engagierten Architekten- und Denkmalschützer-Lobby auf der einen Seite steht das verbreitete Desinteresse der „breiten Bevölkerung“ und großer Teile der Politik gegenüber. Die Gründe dafür sind vielfältig, reichen von einer jahrzehntelangen Tabuisierung der „Franzosen-Zeit“ im öffentlichen Diskurs bis zur (durchaus nachvollziehbaren) Verdrängung (bau-)kultureller Themen in einer von sozialen Problemen durchgeschüttelten Strukturwandel-Region. Zuletzt kam die zunehmende Reduzierung des Themas auf eine Kostenfrage dazu, die schließlich im verbrämt formulierten Vorschlag einer Zerstörung des Gesamt-Ensembles gipfelte („Teilsanierung“).

So sind es weiterhin Architekten, Denkmalschützer und Kunsthistoriker, die in Workshops, Ausstellungen und Publikationen darum kämpfen, den – nicht nur ideellen – Wert des Gebäudes im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. In diese Reihe verdienstvoller Aufklärungsarbeit gehört nun auch eine 128-seitige vom Werkbund und dem Institut für aktuelle Kunst im Saarland herausgegebene Publikation, die auf einer 2011 erschienenen Broschüre basiert. Sie ist ein erster wichtiger Schritt zur überfälligen Erforschung der Botschaft: Jede Menge historischer Fotos, Pläne und Skizzen machen darin die Entstehung des Baus und seine Umfeldentwicklung anschaulich; aktuelle Fotos zeigen, welch repräsentative Eleganz etwa das lichtdurchflutete Empfangsgebäude oder das einstige Botschafterbüro bis heute ausstrahlen.

Texte von Marlen Dittmann, Simon Texier und Axel Böcker beschreiben anschaulich das Gebäude mit seinen einzelnen Funktionen (Wohnen, Repräsentation, Arbeiten) und würdigen seine architektonische Qualität. Der lesenswerteste Beitrag – wie alle Texte in deutscher und französischer Sprache verfasst – stammt jedoch von Dietmar Kolling. Er rehabilitiert Pingussons lange verfemte Wiederaufbau-Pläne für Saarbrücken, deren Scheitern dem Bau der Botschaft vorausging. Pingusson sah angesichts der weitgehenden Zerstörung der Stadt die Chance, eine nach Arbeits-, Wohn-, Verkehrs- und Kultur-Einheiten getrennte „funktionelle Stadt“ umzusetzen, ohne historisch wertvolle Bausubstanz zu zerstören. Er scheiterte am Widerstand der Bevölkerung und der Stadtverwaltung, wofür es laut Kolling „durchaus nachvollziehbare“ Gründe gab – etwa finanzieller und baurechtlicher Art. Doch zeigt Kolling auch, dass es sich um die bis heute letzte übergeordnete Gesamtentwicklungsplanung der Stadt handelte, deren auch nur teilweise Umsetzung viele der haarsträubenden städteplanerischen Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte verhindert hätte – von der Stadtautobahn, über die unstrukturierte Verbauung der Innenstadt bis zu ihrer miserablen Erschließung mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Vor eben diesem Hintergrund irritiert in der Debatte auch immer wieder die Herauslösung des Baus aus dem städtebaulichen Gesamtkontext – gerade auch bei vielen Fürsprechern. Pingussons humanen Vorstellungen vom Bauen steht die weitgehende Entwertung seines Botschaftsgebäudes durch eine monströse, lärmende Autobahn entgegen, die das Ensemble wie ein Messer aus der Stadt herausschneidet. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie man dem Gebäude Würde und Wert zurückgeben will, ohne eine zeitgemäße Verkehrsentwicklungsplanung.

Die Publikation „Die ehemalige Französische Botschaft in Saarbrücken von Georges-Henri Pingusson“ ist erhältlich unter www.galerie-st-johann.de



Buchvorstellung: Freitag, 18.30 Uhr, Kultusministerium, Alte Post (Triererstr. 33).



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