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Artur Domoslawskis umstrittene Biografie über die polnische Reporter-Legende Ryszard Kapuscinski liegt jetzt auf Deutsch vor





Wahrheit und Mythos des „besten Reporters der Welt“
Artur Domoslawskis umstrittene Biografie über die polnische Reporter-Legende Ryszard Kapuscinski liegt jetzt auf Deutsch vor

Von  Lothar Quinkenstein, 
12. September 2014, 00:00 Uhr
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Ein dickes Buch über Ryszard Kapuscinski (1932-2007) erhitzte 2010 die Gemüter in Polen. Geschrieben hat es Artur Domoslawski. Ging es ihm tatsächlich um die „Bloßstellung“ des Reporters? Mit der nun erschienenen Übersetzung können sich deutsche Leser ein eigenes Bild machen.


 
Als vor vier Jahren Artur Domoslawskis Kapuscinski-Biografie in Polen erschien, löste sie nicht nur heftige Diskussionen aus, sie bescherte dem Autor auch einen Prozess. Witwe und Tochter klagten auf eine ehrverletzende Darstellung des Ehemannes und Vaters. Kapuscinskis Übersetzer und langjähriger Freund Martin Pollack erklärte daraufhin, dass er dieses Buch nicht übersetzen werde, weil er in ihm die Absicht sehe, Kapuscinski „bloßzustellen“. Ein Urteil, das schwer genug wiegen musste. Doch gab Pollack zugleich eine Einschätzung von Domoslawskis Buch, die nicht weniger nachdrücklich klang: „ein großes, ein wichtiges Werk“. Nun liegt es auf Deutsch vor.

Ryszard Kapuscinskis Leben ist nicht zu trennen von den mittelosteuropäischen Traumen des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1932 in Pinsk. Damals lag die Stadt in der Zweiten Polnischen Republik, 1945 bis 1991 gehörte sie zur Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, heute liegt sie in der Republik Belarus. Die Prägungen durch die Kriegsjahre und den Terror der deutschen Okkupation reichten tief. Dem Zehnjährigen schien, wie er später einmal sagte, dieser Zustand der natürliche zu sein: Hunger, Angst, Bombenangriffe, Razzien, Exekutionen. Umso mehr muss die Befreiung 1945 in ihrer existentiellen Dimension verstanden werden, auch wenn sie durch dieselbe Armee erfolgte, die am 17. September 1939 von Osten her nach Polen einmarschiert war. An diesem Widerspruch setzte nach 1945 entsprechend manipulierend die Ideologie an, und eben hier auch – im Verhältnis zur Volksrepublik – sucht Domoslawski vor allem nach heiklen Momenten. Eine wichtige Konstante seiner Recherchen waren Gespräche mit Teresa Toranska, einer sensiblen Chronistin des politischen Lebens in Polen seit den 70er Jahren bis in die jünsgte Zeit (ihr Buch „Die da oben“ erhellt auch so manche Problematik in dieser Biografie).

Dass Kapuscinski kein erklärter Gegner des Regimes war, ist kein Geheimnis, doch stellt sich die Sache komplizierter dar, als es das rasche Urteil gerne hätte. Ohne die Kompromisse – um es in aller Kürze zu sagen – hätte er keines seiner Bücher schreiben können, die wiederum gerade als Kritik an den Verhältnissen in der Volksrepublik verstanden wurden. Was Kapuscinski aus Afrika oder Südamerika berichtete – verratene Ideale, verratene Revolutionen, korrumpierte Macht –, bezog der polnische Leser, geübt in der Entschlüsselung der zwischen den Zeilen verborgenen Botschaft, immer auch auf die Verhältnisse im eigenen Land. Insbesondere gilt das für das Buch „Schah-in-Schah“, das 1982 erschien – als in Polen bereits das Kriegsrecht verhängt worden war.

Die Ära Solidarnosc und die Wendejahre wurden für den damals bereits berühmten Autor zu einer schwierigen Zeit. Kapuscinski suchte nach neuen Orientierungspunkten und fand sie in der antikapitalistischen Kritik an der Ausbeutung der Dritten Welt. Ein gutes Gespür für Konjunkturen, sagten die weniger wohlwollenden Kritiker; unermüdliches Engagement, das zu unterscheiden weiß zwischen Frantz Fanon und Stalin, sagten seine Bewunderer. Jetzt, im demokratischen Polen, gehörte er zu den Autoren der „Gazeta Wyborcza“, der großen liberalen Tageszeitung, die aus der Untergrundpresse der Opposition hervorgegangen war.

Einigen Raum widmet Domoslawski dann auch dem Buch „Imperium“ (1994), das Eindrücke einer ausgedehnten Reise durch die zerfallende Sowjetunion festhält. Doch vergeblich, so das ernüchternde Urteil, suche man die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der einstigen Einfluss-Sphäre dieses „Imperiums“. Die persönlichen Aspekte bleiben ausgespart. Stattdessen eine (angebliche) Kindheits-Erinnerung, die Domoslawski als Mystifizierung ansieht, da er keine stichhaltigen Beweise finden konnte: Kapuscinskis Vater habe eines Tages im Herbst 1939 erschöpft und abgerissen in der Stube gestanden – mit knapper Not entkommen aus dem Gefangenentransport nach Katyn. Mit dem Sinnbild polnischen Martyriums unter dem sowjetischen Terror, so Artur Domoslawskis Deutung, wollte Kapuscinski sich offenbar ein „Alibi“ verschaffen, das einem genaueren Nachhaken vorbeugen sollte.

Nach der Lektüre dieser Biographie möchte der Leser Martin Pollack in beiderlei Hinsicht Recht geben: Ja, dieses Buch hat mitunter etwas von einer Bloßstellung – und trotzdem ist es ein beeindruckendes Porträt einer herausragenden Persönlichkeit des polnisch-europäischen Geisteslebens. Und mag auch manches erfunden sein in Kapuscinskis Reportagen, und mag selbst sein engagierter Blick nicht gänzlich frei sein von kolonialen Einfärbungen – eine ganze Generation polnischer Reporterinnen und Reporter hat ihn als Meister und Lehrer betrachtet, hat seinen „Fußballkrieg“, sein „Afrikanisches Fieber“, seine „Reisen mit Herodot“ gelesen, um die Kunst einer Gattung zu erlernen, die bis heute gerade in Polen ihre brillanten Vertreter hat. Die 2006 bei Zsolnay erschienene Anthologie „Von Minsk nach Manhattan“ vermittelt einen breiten Einblick in dieses geistige Erbe des so oft als „bester Reporter der Welt“ titulierten Mannes.

Zu seinen „Schülern“ gehört im Übrigen Domoslawski selbst, der mit dieser Biografie vielleicht versuchte, den Bann eines übermächtigen Vorbilds zu lösen. Es wäre nicht das erste Mal, dass scharfer Kritik Verehrung zu Grunde läge. Und wenn es dem Autor allein um Demontage gegangen wäre – dazu hätte es nicht des Aufwands von fast 700 Seiten bedurft. Wer sich solche Mühe macht, hat vielleicht doch mehr im Sinn als nur Entlarvung.

Artur Domoslawski: Ryszard Kapuscinski. Leben und Wahrheit eines Jahrhundertreporters. Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasinska und Benjamin Voelkel. Rotbuch, 688 Seiten, 29,95 Euro.

Weiterer Lesetipp: Ryszard Kapuscinski: Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies. Reportagen, Essays, Interviews aus vierzig Jahren. Piper, 10,95 Euro.



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