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Heiter bis schaurig: Das Musical ,,The Addams Family” wurde im Merziger Zeltpalast vom Publikum gefeiert





Merzig
Schrecklich nett, diese Familie
Heiter bis schaurig: Das Musical ,,The Addams Family” wurde im Merziger Zeltpalast vom Publikum gefeiert

25. August 2014, 00:00 Uhr
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Ein Totentänzchen mit den Ahnen: Bei den Addams ist immer was los. Fotos: Rolf Ruppenthal
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Große Klasse: Der elfjährige Noah Walczuch aus Lebach als kleiner Quälgeist Pugsley Addams. Er wechselt sich in dieser Rolle mit Justin Natale ab.
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Hol mir mal 'ne Flasche Radler: Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer im Gespräch mit dem neuerdings bärtigen Zeltchef Joachim Arnold.
Riesenspaß macht jetzt das Sommer-Musical im Merziger Zeltpalast. Denn Ensemble wie die gesamte Produktion haben Großstadtniveau, auch wenn die Musik nicht gerade erfrischend neu klingt.


 
Schrecklich, diese Addams? Ansichtssache. Im Vergleich zu dem, was das Fernsehen so an sozialen Geisterbahnen wie den Geissens durch unsere Wohnzimmer rattern lässt, gehen die Addams glatt als kultiviert durch. Mag sein, Gift mischen und ein Totentänzchen mit den Ahnen gilt ihnen als netter Zeitvertreib. Doch Patriarch Gomez vergöttert seine Morticia auch nach langen Ehejahren noch. Und von wegen Schauerhaus: Die abbruchreife Addams-Villa funktioniert perfekt als Mehrgenerationenheim. Onkel Fester, ein kleinkrimineller Mondanbeter, die lüsterne Oma, der grunzende Butler, der sadistische Nachwuchs und selbst die kernig rülpsende Pflanze: Alle leben sie verträglich unter einem Dach. Erschrecken kann sie nur der Horror der anderen. Wenn sich nämlich Tochter Wednesday in einen Normalo namens Lucas Beineke verknallt – und der seine Kleenex-reinen Eltern Mal und April anschleppt.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass sich Cartoonist Charles Addams eine Familie seines Namens als Gegenbild zu all den verklemmt-verlogenen amerikanischen Mustermanns ausdachte. Gewiss, der beißende Spott von einst ist verflogen, Spaß macht der skurrile Clan trotzdem noch. Ob als Comic, im Kino und jetzt eben als Musical in Merzig – dort wird's sogar zum Riesenspaß.

Klar ist: Viele werden beim Kauf der Zeltpalast-Tickets noch die Filme aus den 90ern mit der umwerfenden Anjelica Huston im Sinn gehabt haben. Und die können in Merzig nicht enttäuscht sein. Das eiskalte Händchen krabbelt den Vorhang hoch, Cousin Itt, der Ganzhaarige, nuschelt den „Bitte-Handy-aus!“-Hinweis. Addams-Fans müssen einfach begeistert sein bei so viel Detailliebe, die aus Kostümen, Kulisse, Maske und unentwegt perlenden Regieeinfällen spricht. Andreas Gergen erweist sich da einmal mehr als Unterhaltungskünstler. Als TV-Sohn vom Becker Heinz legte der gebürtige Saarlouiser einst los, mittlerweile hat er die Regie mit dem leichtem Händchen perfektioniert.

Dazu hat Zeltchef Joachim Arnold ein Ensemble der Besten versammelt. Allen voran Uwe Kröger. Selbst ein schlecht haftendes Bärtchen hemmt sein Tempo und seine „sssspanische“ Leidenschaft als Gomez nie. Ein Spiel-, Tanz- und Sing-Rundumbegabter tritt da auf, der seinen Starstatus in jeder Bühnenminute beglaubigt. Und noch eine tippt an diese Klasse: Jana Stelley als Wednesday mit einer Riesenstimme. Anne Welte dreht als lüsterne Grandma mächtig auf, auch April Hailer (Alice Beineke) und Enrico di Pieri (Fester) zeigen beachtliches Format. Applaus vor allem aber für den 11-jährigen Noah Walczuch aus Lebach. Gekonnt und mit klarem Knabensopran macht er den Quälgeist Pugsley zu einem Star des Abends.

Edda Petri freilich baut zu lange auf ihre optische Wirkung und herrische Auftritte. Auf Dauer bleibt ihre Morticia so eindimensional. Hart aber auch zart ist die Addams-Lady, letztere Facette aber kommt zu kurz. Und ein wenig leidet die Merziger Produktion auch am Erfolgsdruck. Die „Addams Family“ soll und muss auf Tour gehen, um die hohen Produktionskosten von 700 000 Euro einzuspielen. So hat man eine klassische Bühnensituation gewählt, kompatibel für andere Häuser. Sicher hätte Regisseur Gergen noch an Dynamik und überraschenden Perspektiven zulegen können, hätte er die Flexibilität des Zeltrunds voll genutzt.

Andererseits passt dieser konventionelle Aufbau durchaus zu dem oft plüschigen Musical von Andrew Lippa. Das eigentlich doch ein junges Ding ist. Vor vier Jahren erst wurde es für den Tony, den Musical-Oscar, nominiert. Dennoch klingt es seltsam betulich, was der US-Komponist da an Nummern schrieb. Balladen, Opern- und Operettenhaftes als sei seit Jahrzehnten im Musical nicht viel passiert: ein Käfig voller Addams? Zum Glück kommt man bei der Merziger Tanz- und Sangeslust und dem famosen Live-Sound der 12-köpfigen Band nicht dazu, länger über sowas nachzugrübeln.

Eines muss aber noch gesagt werden: Da, wo in Merzig die Straße nicht mehr weitergeht, läuft tatsächlich Unterhaltungskunst auf Großstadtniveau. Wenn sich der Saarland-Slogan vom Großen, das aus Kleinem entsteht, irgendwo schon bewahrheitet hat, dann doch dort im Zeltpalast. Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer konnte sich als Premierengast davon überzeugen.

Bis 28. September. Karten unter Tel. (06861) 9 91 00.

theaddamsfamilymusical.de


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