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Regisseurin Nadia El Fani über ihr Sehnen nach Laizismus und die Beleidigungen von Islamisten





Saarbrücken
Im Zorn gegen die Krise in Tunesien
Regisseurin Nadia El Fani über ihr Sehnen nach Laizismus und die Beleidigungen von Islamisten

Von SZ-RedakteurTobias Kessler,  04. Oktober 2013, 00:00 Uhr
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Nadia El Fani
Am Dienstag war die tunesische Regisseurin Nadia El Fani im Saarbrücker Filmhaus zu Gast. Die Aktion 3. Welt Saar hatte sie für die Reihe „Frauen und Islam – Proteste in Tunesien & der Türkei“ eingeladen. Zu sehen war El Fanis Film „Même pas mal“.


 
Eine „kahle Sau“ sei sie, eine „gottlose Hure“ und sie solle in der Hölle schmoren, schrieb jemand im Internet. Nur eine von vielen Attacken in den sogenannten sozialen Netzwerken. In Tunis haben Salafisten ein Kino gestürmt und eine Vorstellung verhindert. In ihrer tunesischen Heimat, aber auch in der Pariser Wahlheimat schlägt der Regisseurin Nadia El Fani blanker Hass entgegen – und Morddrohungen. Der Grund: Ihr Dokumentarfilm „Laïcité, Inch Allah!“ von 2011 begleitet die „Jasminrevolution“ gegen den Diktator Ben Ali. Zeigt aber auch die Konflikte danach und kritisiert die islamistische Ennahda-Partei für ihren Unwillen, zwischen Staat und Kirche zu trennen. Ihr Eintreten für Laizismus haben ihr islamistische Kräfte als Beleidigung des Islam ausgelegt. Seit 2011 war El Fani nicht mehr in Tunesien, aus Angst vor Verhaftung.

Aus der Reaktion auf „Laïcité, Inch Allah!“ hat sie einen weiteren Film gemacht, den sie am Dientagabend im Saarbrücker Filmhaus zeigte. Eingeladen hatte die Aktion 3. Welt Saar, die eine kleine Reihe zum Thema „Frauen und Islam – Proteste in Tunesien & der Türkei“ organisiert hat. „Même pas mal“, die neue, sehr persönliche Doku, zeigt die Regisseurin in einer doppelten Krise: Aus Tunesien schlägt ihr Aggression entgegen, während sie in Paris mit einer Chemotherapie gegen Brustkrebs kämpft. Ihre Erkrankung nutzt sie filmisch nicht als Mittel der Gefühligkeit aus, vielmehr treibt der Krebs sie an: „Ich darf nicht während der Revolution sterben“, sagt sie, schluckt Tabletten und rasiert ihren Kopf. Islamisten werten selbst die Glatze als Symbol ihrer Rebellion.

Der Film stellt den Kampf der Filmemacherin, etwa gegen das Sperren diffamierender Facebook-Seiten (vergeblich), parallel zu den Entwicklungen in Tunesien, wo nach der Revolution Ernüchterung einkehrt – bei denen, die sich einen freieren Staat erhofft haben. Die Krebszellen in ihrem Körper besiegt El Fani, die Krebszellen in Tunesien, diese Analogie stellt ihr Film her, wuchern weiter.

Nach dem zornigen Film, der auch ein Dokument großen persönlichen Mutes ist, gab es eine Diskussion, die Gertrud Selzer von der Aktion 3. Welt moderierte (Moez Chelly vom Filmhaus übersetzte). El Fani stellte klar, dass sie sich nicht gegen Religion, sondern gegen die Koppelung von Religion und Staat richte; „Même pas mal“ sei in keinem arabischen Land zu sehen – nur ein Festival in Marokko habe den Film zeigen wollen, bevor es ihn kurzfristig aus dem Programm warf. Eine tunesische Journalistin, die sie zu „Laïcité, Inch Allah!“ interviewt hat, habe man entlassen. Dieser Film sei jetzt überall kostenlos auf der Internetplattform dailymotion zu sehen, auch in Tunesien – nachdem kein TV-Sender den Film, den El Fani kostenlos anbot, zeigen wollte. Kein Wunder: Ein tunesischer Sender, der den iranischen Film „Persepolis“ zeigte, der die islamische Revolution kritisch sieht, wurde danach von Salafisten angegriffen. „Même pas mal“ würde El Fani gerne ins Internet stellen, was aber ganz prosaisch an den Finanzen scheitert: Sie habe den Film nicht produziert, sagte sie, und daher nicht das Recht dazu.

Beeindruckt sei sie in Saarbrücken von einer Demonstration (gegen Abtreibung) mit gleichzeitiger Gegendemonstration gewesen. So etwas in Tunesien in naher Zukunft zu sehen, wünsche sie sich – könne es sich aber nicht vorstellen.

Am nächsten Dienstag spricht die Kölner Publizistin Arzu Toker über „Aufstand für Menschenrechte in der Türkei und gegen islamistischen Tugendterror“ (Filmhaus, ab 20 Uhr). „Même pas mal“ läuft am 17. Oktober im Kino in Wadern.



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