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"Poetischer Geschichtsunterricht" mit Hermann Lenz





"Poetischer Geschichtsunterricht" mit Hermann Lenz
12. April 2013, 00:15 Uhr
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Peter Handke schrieb 1975 über Hermann Lenz' Roman "Neue Zeit", es sei das erste Buch dieser Art, in dem der Zweite Weltkrieg nicht in eine Vorzeit verschwinde, "als eine letztlich doch besonnte Vergangenheit". Der Krieg werde hingegen "so atemberaubend gegenwärtig wie Kriege für meine 'unerfahrene' Generation sonst nur in den Träumen"
Peter Handke schrieb 1975 über Hermann Lenz' Roman "Neue Zeit", es sei das erste Buch dieser Art, in dem der Zweite Weltkrieg nicht in eine Vorzeit verschwinde, "als eine letztlich doch besonnte Vergangenheit". Der Krieg werde hingegen "so atemberaubend gegenwärtig wie Kriege für meine 'unerfahrene' Generation sonst nur in den Träumen". Was darin über diese Zeit geschrieben wird, so Handke, werde verzerrt, detailvergrößert, mit Zeitsprüngen ein weiteres Mal vor uns und für uns geträumt. Das ist schön gesagt, und es trifft diesen Roman in seinem Wesen, weil er wie alle Romane von Lenz auch etwas Schwebendes hat. Die Perspektive ist verschwommen: Man ist mittendrin im Geschehen, und doch ist die Hauptfigur nie ganz zugehörig. Genaue Betrachtungen und Andeutungen lösen sich ab. Die drei Auslassungspunkte sind dabei ein beliebtes stilistisches Mittel von Hermann Lenz - das nur Angetippte muss nicht fortgeführt werden, weil es sich von selbst formuliert und auch immer sein Gegenteil mitsagen kann.

"Neue Zeit" ist kein Heldenroman, kein "Opa erzählt vom Krieg"-Lamento und schon gar keine Verklärung. In diesem dritten Teil des auf neun Bände angewachsenen autobiographischen Zyklus' erleben wir das Alter ego von Lenz in seiner reinen Form, vielleicht weil es einer Extremsituation ausgesetzt ist: Eugen Rapp, so heißt dieses andere Ich, lernten wir als Kind in "Verlassene Zimmer" kennen, als Studenten in "Andere Tage", und nun kommt er 1937 nach München, wo er in Kunstgeschichte promovieren soll. Um ihn herum bereitet man sich auf einen Krieg vor, und er denkt sich oft in eine andere, verklärte Zeit, ins Wien der Jahrhundertwende, in eine Epoche, die einem Außenseiter wie ihm nicht so zugesetzt hätte.

Eugen Rapp ist ein Stoiker und Lakoniker, er lässt die Dinge mit sich geschehen und wahrt innerlich Abstand. Aber es gibt nicht nur die Nazis, sondern auch eine gerade entstehende Liebe. Eugen lernt die junge Halbjüdin "Treutlein Hanni" kennen, lebt sogar als Untermieter bei Familie Treutlein. Wie eng Biografisches und Fiktives miteinander verwoben sind, wie sich das Erlebte verwandelt hat in Literatur und wie sich die Träumereien des jungen Lenz in der Sphäre der Literatur abgespielt haben - das zeigt der schöne Anhang zur Neuveröffentlichung von "Neue Zeit". Es sind Briefe, die sich Hermann und Hanne in den späten 30er und den Kriegsjahren geschrieben haben. Der Krieg, das ist dem sensiblen Beobachter Lenz früh klar, sollte unweigerlich kommen. Er und mithin sein Held werden hineingezogen, zunächst an der Westfront, dann im Osten.

In russischen Sümpfen, vom Tod umgeben, erweist sich der Träumer als Überlebenskünstler - als einer, der zwar nicht als Widerstandskämpfer geboren ist, aber den Alptraum mit seinen eigenen Fantasien durchsetzt. Die Gedichte von Mörike begleiten ihn durch diese Jahre. Wir sind mit dem jungen Mann mitten in den Schlachtfeldern, es gibt keine nachträgliche Rechtfertigung, keine überhöhenden Deutungen, nur die Angst und die Erinnerungen, die sich immer wieder in die Gegenwart des Soldaten drängen. Die Sehnsucht nach einer anderen Zeit. Und nach der in München überlebenden "Treutlein Hanni". Es verwundert nicht, dass diesem Eugen Rapp das Fanatische abgeht. Einen gezielten Schuss auf den Feind mag er nicht abgeben.

Und doch scheint am Ende etwas unweigerlich zerbrochen, ein Leben zerstört von dem Leid, das er zu Gesicht bekommt. Und auch als er aus dem Totenreich heraustritt und aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen wird, bleibt die Entfernung zur Welt, die Lenz wie kein zweiter aus der Nähe beschreiben kann.

Hermann Lenz, der vor 100 Jahren geboren wurde, hat mit seinem Eugen-Rapp-Zyklus nicht nur sein eigenes Leben vergegenwärtigt. Er hat auch eine Chronik des Jahrhunderts geschrieben, aus der Perspektive eines Involvierten und doch immer von der Seite aufs Geschehen schauenden. Es ist eine Geschichte von unten. "Poetischer Geschichtsunterricht" hat Peter Handke den Rapp-Zyklus genannt, "voller Anmut, voller Würde". rüd

Hermann Lenz: Neue Zeit. Mit einem Anhang: Briefe von Hermann Lenz. Insel Verlag, 429 Seiten, 22,95 Euro.


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