Sie nennen ihre Parzellen Flotte Möhre oder Schlaraffenland. Die neuen Gemüsegärtner auf Zeit warten dieser Tage in Berlin auf den Saisonstart ebenso wie in Duisburg, Köln oder Hannover. Ihre Besonderheit: Sie haben eine Parzelle gemietet und die ist fix und fertig vorbereitet. «Das, was in einer Reihe steht, ist das Gemüse», berät Landwirt Benjamin Gericke in Rudow am südlichen Rand der Hauptstadt mit einem freundlichen Lachen die Neueinsteiger.
Gericke hat 5000 Quadratmeter Acker neben seinem Pferdehof umgepflügt und rund 100 Mini-Gärten eingeteilt. Jetzt bringt er die Jungpflanzen von rund 20 Sorten in den Boden. «Ich finde es gut, dass Leute aus der Stadt hier erleben, wie viel Aufwand drin steckt, bis ein Gemüse gegessen werden kann. Auch für Kinder kann das spannend sein.» Nach der ersten Ernte kann jeder Gärtner bis zum Herbst je nach Geschmack selbst säen oder pflanzen.
Sie habe die Gärten auf Zeit im Internet entdeckt, sagt Gise Hartwig aus Neukölln. «Ich hab nur einen Balkon, jetzt will ich meine Energie in mehr stecken», sagt die 34-Jährige bei einem Treffen der Mietgärtner. Sie hoffe auf Ausgleich zu ihrer Arbeit mit Behinderten. «Ich freue mich auf Rote Beete.» Familie Schubert aus Köpenick hat ihr eine Saison-Erfahrung voraus. «Der natürliche Geschmack - das ist es. Wir lieben die selbst gebuddelten Kartoffeln», schwärmt das Paar.
Was als Mini-Idee begann, gedeiht zum Trend für Stadtbewohner. Zwei studierte Betriebswirtinnen mit Grün-Tick, Natalie Kirchbaumer und Wanda Ganders, gründeten 2009 in Bonn die Gesellschaft bürgerlichen Rechts «meine ernte» . Ihr Anliegen: Angesichts von Dioxin-Eiern, belastetem Fleisch und künstlichen Lebensmitteln den Klimaschutz voranzubringen. Verbraucher sollen ökologisch makelloses Gemüse ohne lange Transporte bekommen. «Sachen aus eigenem Anbau schmecken nicht nur besser, die sind auch frischer, vitaminreicher und gesünder», sagt die 30-Jährige. «Und die Chemiekeule ist absolut tabu.»
Die beiden Geschäftsführerinnen suchen bundesweit nach Flächen, schließen dann gegen Entgelt Kooperationsverträge mit Landwirten, verpachten die Parzellen an die Freizeitgärtner, organisieren Gartensprechstunden und helfen mit Internet-Tipps. Im Vorjahr gab es wegen einer Zucchini-Schwemme schon mal Rezepte für Gemüsekuchen.
Gärtnern gehört laut Bundesverband Deutscher Gartenfreunde mit zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen - Tendenz zunehmend. Dafür gebe es auch gesellschaftliche Gründe, sagt Thomas Wagner für den Verband. Unsichere Wirtschafts- und Sozialsysteme förderten einen Wertewandel mit Rückzug ins Private.
Wurden 2010 in der ersten Saison von «meine ernte» 250 Gärten vermietet, sind es 2012 schon 1500 in 15 deutschen Städten. «Wir vergeben die Parzellen nach dem Eingang der Anträge», sagt Kirchbaumer zu dem Andrang. Allein in Berlin sind 350 Mietgärten in den Ortsteilen Rudow und Wartenberg entstanden. Angeboten werden überschaubare Parzellen in Single- oder Familiengröße.
Einer der Berliner Mietgärtner ist der selbsternannte Gemüsebaron Dieter Girod von 2011. Er hat wieder ehrgeizige Pläne für die etwa 45 Quadratmeter, die er in Rudow in der Nähe vom künftigen Großflughafen Schönefeld geordert hat. «Voriges Jahr haben wir so viel geerntet, dass wir viel verschenken konnten», sagt der Vorruheständler stolz.
Beim Gartenfreunde-Verband werden die Mietgärten nicht als Konkurrenz zu den rund 1 Million Kleingärten gesehen. Die neue Form bereichere doch, sagt Wagner. Wer anfangs unsicher ist, ob ihm das Gärtnern liegt, könne die gemietete Parzelle ja als Schnuppergarten nutzen - bis die neue Leidenschaft nur noch mit einem richtigen Schrebergarten gestillt werden könne.
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