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Vergessenen Kindern eine Stimme geben

Von SZ-Redakteurin Heike Jungmann

Neunkirchen/St. Wendel. Sie werden auch "die vergessenen Kinder" genannt: Kinder suchtkranker Eltern. In der Regel erhalten sie nicht die Aufmerksamkeit, die sie brauchen. Grund dafür ist meist, dass sowohl die Eltern als auch die Kinder sich schämen, die Sucht zuzugeben (Veröffentlicht am 17.02.2012)

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Neunkirchen/St. Wendel. Sie werden auch "die vergessenen Kinder" genannt: Kinder suchtkranker Eltern. In der Regel erhalten sie nicht die Aufmerksamkeit, die sie brauchen. Grund dafür ist meist, dass sowohl die Eltern als auch die Kinder sich schämen, die Sucht zuzugeben. Damit auf die Situation der Kinder aus Suchtfamilien aufmerksam gemacht wird, beteiligt sich das Neunkircher Beratungs- und Behandlungszentrum Die Brigg der Caritas in Kooperation mit dem Familien- und Nachbarschaftszentrum (FNZ) an der bundesweiten Aktionswoche "Scham macht krank" von Nacoa, der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien (siehe "Auf einen Blick").

"Papa riecht so streng"

Beim Redaktionsbesuch erläuterten Janina Wagner, die das Projekt Wiesel betreut, Janine Wack vom FNZ und Thomas Mörsdorf , der bei der Brigg für die psychosoziale Begleitung von Substituierten zuständig ist, den Hintergrund der Aktion. "Will man nicht die nächste suchtkranke Generation heranziehen, muss man etwas tun, um die Kinder stark zu machen", so Wagner. In dem Projekt Wiesel, das von den Landkreisen Neunkirchen und St. Wendel und vom Land gefördert wird, wird dies seit fünf Jahren beispielhaft praktiziert. "Die Kinder haben viele Fragen, denn sie kriegen hautnah die Begleiterscheinungen der Sucht mit", weiß Janina Wagner. Den Streit aus nichtigem Anlass mit der Mama, die tägliche Müdigkeit und die Geldsorgen. Und dass der Papa so streng riecht. Die Kinder könnten sich das alles nicht erklären und schwiegen aus Scham. Nicht zuletzt, weil auch die Eltern sich schämen und schweigen. Deshalb sei es auch so schwierig, an diese Kinder "heranzukommen", um ihnen helfen zu können, berichtet Thomas Mörsdorf. "Bei suchtkranken Eltern muss man dicke Bretter bohren, bis sie ihre Kinder in die Gruppe von Wiesel lassen." Häufigstes Gegenargument: "Aber das Kind weiß doch gar nicht, dass ich suchtkrank bin." Heute weiß man, dass in Deutschland etwa 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 18 Jahren von der Suchtmittelproblematik eines Elternteils betroffen sind. Das heißt, dass in jeder siebten Familie ein Kind zumindest zeitweise davon betroffen ist. "Erschreckend" sei es, dass ein Drittel dieser Kinder später selbst suchtkrank oder psychisch krank werde, sagt Mörsdorf.

Im dem präventiv angelegten Projekt Wiesel wird versucht, den Kindern und Jugendlichen einen Raum zu schaffen, in dem sie ihre Sorgen und Nöte, ihre Scham, aber auch ihre Wut rauslassen und versuchen können, sie zu bewältigen. Mittel dazu sind auch gemeinsame Ausflüge und kreative Angebote. Welche Werke daraus entstanden sind, zeigen die Kinder und Jugendlichen von Wiesel im Rahmen der Aktionswoche im Bücherberg und im FNZ. Hier können sich auch Interessierte, die beruflich mit Kindern zu tun haben, informieren.

coa.aktionswoche.de

Meinung

Scham macht

Kinder krank

Von SZ-Redakteurin

Heike Jungmann

Welch zerreißender Konflikt, in denen die Kinder suchtkranker Eltern leben: Sie lieben ihre Eltern, und gleichzeitig schämen sie sich für sie. Wer Zugang zu diesen Kindern und Jugendlichen finden will, muss sehr sensibel arbeiten und vorsichtig versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Noch schwieriger scheint es jedoch zu sein, suchtkranke Eltern davon zu überzeugen, dass ihre Kinder wie sie selbst professionelle Hilfe brauchen. Denn nicht nur die Kinder schämen sich, auch viele Eltern wollen aus Scham ihre Sucht nicht vor sich selbst und erst recht nicht vor der Außenwelt zugeben. Um so wichtiger ist es, Aufklärung zu betreiben und vor Augen zu führen, dass die Kinder suchtkranker Eltern hoch gefährdet sind, selber suchtkrank zu werden oder psychische und soziale Störungen zu entwickeln. Projekte wie Wiesel von der Neunkircher Brigg tragen dazu bei, dass sich diese Kinder trotz der familiären Belastung zu gesunden, lebenstüchtigen Erwachsenen entwickeln können.

Auf einen Blick

Neunkircher Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien: Ausstellung im Familien- und Nachbarschaftszentrum (FNZ), Vogelstraße 1, mit Bildern und Tonarbeiten aus der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen suchtkranker Eltern sowie Bilder ehemaliger Suchtmittelabhängiger. Diese werden bis 18. Februar auch im Bücherberg, Hüttenbergstraße 1, gezeigt. hek

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