Sittler: Ja, sehr. Es nützt nichts, nur über Gutes zu sprechen, man muss es auch tun. Lieber weniger reden und häufiger richtig handeln, das würde mir gut gefallen – übrigens auch in der Politik.
Man könnte einwenden: In dem Satz fehlt das Nachdenken, die Reflexion...
Sittler: Ja, aber das gehört ja bei Kästner immer dazu. Er denkt sehr viel nach und entscheidet dann, was er tut. Oder er sagt: Ich kann nichts tun und beschreibe nur. Das ist eine seiner Stärken: Das, was er sieht, auf eine so wunderbare, klare Art zu beschreiben, dass man als Leser das Gefühl hat, selbst dabei zu sein.
Der Satz könnte auch Leitmotiv von Protestbewegungen sein. Sie selbst haben sich einen Namen als Vorsprecher des Protestes gegen Stuttgart 21 gemacht. Um was geht es bei diesem Protest – wirklich nur um einen Bahnhof?
Sittler: Ursprünglich ja, dann hat sich aber herausgestellt, dass sehr viel mehr dahinter steckt. Es geht darum, wie Politik über Bürger hinweg gemacht wird, wie die Bevölkerung mit Falsch-Informationen in die Irre geführt wird. Es geht darum, dass eine Reihe von Politikern Recht behalten und die Bahn sehr viel Geld verdienen will. Wenn der geplante Bahnhof wenigstens besser wäre als der jetzige, aber er ist ja um ein Vielfaches schlechter. Das sagen Ingenieure, Wissenschaftler, Eisenbahnfachleute. Doch es wird nicht hingehört. Insofern geht es um eine Ignoranz von Leuten, die glauben, Stuttgart und das Land gehöre ihnen und sie könnten damit machen, was sie wollen. Das wollen sich die Bürger nicht mehr gefallen lassen.
Nun gab es aber doch eine Volksabstimmung, bei der die Mehrheit für Stuttgart 21 gestimmt hat. Gibt es etwas Demokratischeres als ein solches Bürgervotum?
Sittler: Bei der Volksabstimmung ging es um den Ausstieg aus der Finanzierung. Die Mehrheit der Befragten hat gesagt: Die Regierung darf kein Kündigungsgesetz wahrnehmen. Sie hat aber nicht beschlossen, dass der Bahnhof schief sein soll, was der Fall ist, dass er für Behinderte unzugänglich sein soll, was der Fall ist. Auch nicht, wie teuer er sein soll. Dass die Bahn so tut, als sei es darum gegangen, hat rein machtpolitische Gründe. Die Landesregierung könnte jederzeit den Bau anhalten und sagen: Liebe Deutsche Bahn, erst plant Ihr alles zu Ende, dann legt Ihr Eure Kostenkalkulation offen und dann könnt Ihr bauen.
Hat das Engagement in dieser Sache Sie selbst und Ihr Arbeiten verändert?
Sittler: Ja, ziemlich. Im Zusammenhang mit Stuttgart 21 sind viele Dinge über mich gesagt worden: Ich sei ein Undemokrat, ein Faschist, ein Stalinist. Ich hatte immer gedacht, als gewählter Volksvertreter bringe man ein gewisses Maß an Vernunft mit. Das ist ein Irrtum – der eine hat es, der andere nicht. Ich habe gelernt, mich nicht darum zu kümmern, was diese Menschen über mich sagen. Denn es sagt nichts über mich, sondern über diejenigen aus, die sich so äußern. Dadurch gehe ich jetzt, glaube ich, noch direkter an Dinge heran, konzentriere mich noch mehr aufs Wesentliche, den Inhalt.
Werden Sie seltener engagiert seit Ihrem Protest-Engagement?
Sittler: Einige Engagements wurden deswegen abgesagt, aber das waren wenige. Ein bekannter Club hatte mich eingeladen, zum Thema „Mut“ zu sprechen. Das wurde abgesagt.
Ausgerechnet zum Thema „Mut“.?.?.
Sittler: Ja, das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Das Programm „Vom Kleinmaleins des Seins“, mit dem Sie in Saarbrücken sein werden, ist die Fortsetzung der Lebensgeschichte von Erich Kästner. Was erwartet die Zuschauer?
Sittler: Wir fangen da an, wo wir mit dem ersten Teil „Als ich ein kleiner Junge war“ aufgehört haben. Es geht um die 1920er-Jahre, eine Menge Lyrik, die Prosastücke, Kästners Erlebnisse im Dritten Reich, dann bis zu seinem Tod 1974. Immer wieder sagen uns Leute nach der Vorstellung: „Man hat das Gefühl, Kästner hat seine Texte gestern geschrieben“. Ohne die Zukunft kennen zu können, zu wissen, welche Gesetze unsere Gesellschaft beherrschen – das macht gute Autoren aus.
Kritiker werfen Kästner vor, kein aktiver Gegner des NS-Systems gewesen zu sein. War es ein Fehler, dass er 1933 nicht emigrierte?
Sittler: Kästner hat gesagt: Ich kann nur über das schreiben, was ich weiß. Und dafür muss ich hierbleiben, um es zu sehen. Das war eine seiner Maximen. Kästner war mehrmals im Gefängnis während es Dritten Reichs, er erhielt Schreibverbot, durfte zwölf Jahre nicht veröffentlichen. Es ist leicht gesagt, er hätte emigrieren können. So einfach geht das nicht. Er wollte seine Eltern nicht alleine lassen, hatte also auch persönliche Gründe, zu bleiben. So konnte er dokumentieren und auf seine eigene Weise beschreiben, was passierte.
Sie sind vielen als TV-Schauspieler ein vertrautes Gesicht. Wäre Erich Kästners Biografie nicht mal eine Verfilmung wert?
Sittler: Das könnte man sehr gut machen, mit einem guten Autor und einem geeigneten Drehbuch. Aber ich glaube, es ist noch besser, wenn man Kästner liest. Oder uns zuhört, wenn wir auf der Bühne sind.
Donnerstag, 19.30 Uhr, SST.
Karten: Tel. (0681) 3092486 und an der Abendkasse.



































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