Kranke und Säuglinge galten in den Augen der Nationalsozialisten als „unnütze Esser“, Behinderte als „nicht lebenswert“. Auch in den besetzten Gebieten wurden sie deshalb systematisch umgebracht. Doch während die Mörder in Polen vielfach noch ein pathologisches Interesse an den Opfern an den Tag legten, „war die Mordmaschinerie in Weißrussland dafür wohl zu schnell“, sagt Hudemann. Es ist dies die „ungeheure Morddynamik“, von der er berichtet, die offenbar einem regelrechten Mordrausch gleich keine Zeit und keinen Raum mehr für vermeintlich wissenschaftliche Untersuchungen ließ und sich auf offener Straße Bahn brach: „Mich hat ein Fall besonders beschäftigt und verstört, in dem ein Wehrmachtssoldat einen Taubstummen nachgerufen hat stehen zu bleiben, und als dieser nicht reagierte, ihn auf offener Straße erschoss“, so Hudemann.
Rund 1,4 Millionen Zivilisten sind von den deutschen Besatzern in Weißrussland getötet worden. Wie viele von ihnen krank, behindert, schwanger oder Kleinkinder waren, lasse sich nicht genau beziffern. „Aber wir wissen, dass diese Personengruppen in Massen auf Lkws etwa in einen Wald gefahren und dort erschossen wurden“, sagt Hudemann. „Viele Menschen sind damals auch einfach wahnsinnig vor Angst geworden, wurden dann kurzerhand als Behinderte eingestuft – und ermordet.“
Um die nationalsozialistische Mordpolitik rekonstruieren zu können, hat die von Hudemann und seinem weißrussischen Kollegen Alexander Friedman geleitete Forschergruppe „ungehinderten Zugang zu Archiven auch des Geheimdienstes in Weißrussland erhalten“, wie Hudemann berichtet. Auch einige Zeitzeugen habe man gesprochen. Lebende Täter dagegen gebe es nicht mehr. Einer der Hauptverantwortlichen für die gezielten Behindertenmorde in Weißrussland war der 1989 verstorbene Georg Heuser. Der ehemalige SS-Obersturmführer soll an der planmäßigen Ermordung von 11.103 Menschen beteiligt gewesen sein – und wurde dafür in einem Kriegsverbrecherprozess 1962 zu 15 Jahren Haft verurteilt, kam jedoch sieben Jahre später frei.
Hudemanns Forschungsprojekt, das von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert wird, soll dazu beitragen, die Sensibilität für die Stigmatisierung psychisch kranker sowie geistig oder körperlich behinderter Menschen sowohl in Weißrussland als auch in Deutschland zu erhöhen. Voraussichtlich im Herbst soll ein Sammelband mit den Forschungsergebnissen erscheinen. jos



































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