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Saarbrücken

Geschichts-Professor Hudemann erforscht die Nazi-Gräueltaten in Weißrussland

Von SZ-Redakteur Johannes Schleuning

Gemeinsam mit sechs Nachwuchswissenschaftlern hat der Saarbrücker Professor Rainer Hudemann die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in Weißrussland aufgearbeitet – im Herbst soll ein Sammelband darüber erscheinen. (Veröffentlicht am 22.02.2012)

Saarbrücken. Über die Gräueltaten der Nationalsozialisten ist viel geforscht worden. Und doch hat der Schrecken noch immer ungeahnte Ausmaße. „Die Verbrechen an Kranken und Behinderten, die die Nationalsozialisten zwischen 1941 und 1944 in Weißrussland verübt haben, zeugen von noch mehr Gewalt als in Polen“, sagt Professor Rainer Hudemann von der Universität des Saarlandes. Er nennt es eine „ungeheure Morddynamik“. Ablesen lasse sich dies nicht zuletzt daran, „dass es außer den gezielten Tötungsaktionen in Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen auch eine Fülle von Morden an dieser Personengruppe im Besatzungs- und im Kampfalltag gab“. Gemeinsam mit sechs Nachwuchswissenschaftlern aus Deutschland und Weißrussland hat Hudemann die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegen behinderte und psychisch kranke Menschen, schwangere Frauen und Säuglinge in dem osteuropäischen Binnenstaat „erstmals systematisch untersucht“.

Kranke und Säuglinge galten in den Augen der Nationalsozialisten als „unnütze Esser“, Behinderte als „nicht lebenswert“. Auch in den besetzten Gebieten wurden sie deshalb systematisch umgebracht. Doch während die Mörder in Polen vielfach noch ein pathologisches Interesse an den Opfern an den Tag legten, „war die Mordmaschinerie in Weißrussland dafür wohl zu schnell“, sagt Hudemann. Es ist dies die „ungeheure Morddynamik“, von der er berichtet, die offenbar einem regelrechten Mordrausch gleich keine Zeit und keinen Raum mehr für vermeintlich wissenschaftliche Untersuchungen ließ und sich auf offener Straße Bahn brach: „Mich hat ein Fall besonders beschäftigt und verstört, in dem ein Wehrmachtssoldat einen Taubstummen nachgerufen hat stehen zu bleiben, und als dieser nicht reagierte, ihn auf offener Straße erschoss“, so Hudemann.

Rund 1,4 Millionen Zivilisten sind von den deutschen Besatzern in Weißrussland getötet worden. Wie viele von ihnen krank, behindert, schwanger oder Kleinkinder waren, lasse sich nicht genau beziffern. „Aber wir wissen, dass diese Personengruppen in Massen auf Lkws etwa in einen Wald gefahren und dort erschossen wurden“, sagt Hudemann. „Viele Menschen sind damals auch einfach wahnsinnig vor Angst geworden, wurden dann kurzerhand als Behinderte eingestuft – und ermordet.“

Um die nationalsozialistische Mordpolitik rekonstruieren zu können, hat die von Hudemann und seinem weißrussischen Kollegen Alexander Friedman geleitete Forschergruppe „ungehinderten Zugang zu Archiven auch des Geheimdienstes in Weißrussland erhalten“, wie Hudemann berichtet. Auch einige Zeitzeugen habe man gesprochen. Lebende Täter dagegen gebe es nicht mehr. Einer der Hauptverantwortlichen für die gezielten Behindertenmorde in Weißrussland war der 1989 verstorbene Georg Heuser. Der ehemalige SS-Obersturmführer soll an der planmäßigen Ermordung von 11.103 Menschen beteiligt gewesen sein – und wurde dafür in einem Kriegsverbrecherprozess 1962 zu 15 Jahren Haft verurteilt, kam jedoch sieben Jahre später frei.

Hudemanns Forschungsprojekt, das von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert wird, soll dazu beitragen, die Sensibilität für die Stigmatisierung psychisch kranker sowie geistig oder körperlich behinderter Menschen sowohl in Weißrussland als auch in Deutschland zu erhöhen. Voraussichtlich im Herbst soll ein Sammelband mit den Forschungsergebnissen erscheinen. jos

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