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Saarbrücken

Die Post-Privacy-Bewegung propagiert das Ende des Privaten im Internet

Von SZ-Mitarbeiterin Karin Janker

Während viele über den Datenschutz reden, scheinen sich einige Netzaktivisten von der Idee der Privatsphäre verabschiedet zu haben. Buchautor Christian Heller entwirft eine Zukunft, in der jeder alles weiß. (Veröffentlicht am 05.02.2012)

Saarbrücken. Privatsphäre ist ein Auslaufmodell in der Welt von Google, Twitter und Facebook. Jeder, der das Internet nutzt, modelliert in seinen täglichen Suchmaschinenanfragen, seinen Statusmeldungen und sonstigen Veröffentlichungen ein virtuelles Abbild seiner selbst, über dessen Daten er keine Kontrolle mehr hat. Datenschützer versuchen mit Verweis auf die „informationelle Selbstbestimmung“ des Bürgers gegen diese Erosion der Privatsphäre anzugehen. Doch dies ist ein Kampf gegen Windmühlen – so zumindest die These von Christian Heller.

Der Autor des Buchs „Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“ reiht sich damit in eine Bewegung ein, die im Ende des Privaten keine Bedrohung, sondern vielmehr eine Chance vermutet. Unter spackeria.org veröffentlichen die Anhänger der Post-Privacy-Bewegung ihre Gedanken zu einem digitalen Leben ohne Geheimnisse. Hellers Motto für die Zukunft in der verdateten Welt formuliert er so: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Als Folgen des Offenbarungseides, den jeder Einzelne leisten müsse, wenn er an der Netzwelt teilhaben will, könnten auch Transparenz und Freiheit entstehen. Heller geht mit seinem Buch in Opposition zu Titeln wie „Das Ende der Privatsphäre – Der Weg in die Überwachungsgesellschaft“. Diese Veröffentlichung des Bundes-Datenschutzbeauftragten Peter Schaar geht zwar von einer ähnlichen Diagnose aus, zieht aus dem Ende der Privatsphäre allerdings andere, pessimistischere Schlüsse.

Heller dagegen kritisiert die Verbrüderung des Datenschutzes mit der Staatsmacht, da auf diese Weise die Privatsphäre nur „von oben gewährt“ sei. In Ausnahmefällen könne schließlich der Staat seine Bürger überwachen und sämtliche verfügbaren Informationen über sie einholen. Datenschutz und Privates seien also ohnehin nur eine Illusion, schreibt Heller. Und er kommt dabei zu dem Schluss, dass die Privatsphäre eine Erfindung des 19. Jahrhunderts gewesen sei. Das „traute Heim“ habe damals als Hort der Moral, der Idylle und der Fürsorge gegolten, in den der Mann sich nach getaner Arbeit zurückziehen konnte.

Wie sollen wir damit umgehen, dass wir uns im Internet in einer Sphäre permanenter Öffentlichkeit bewegen? Was ist die Konsequenz aus der totalen Überwachung des Netzes? Man könnte in Paranoia verfallen oder das Internet vollkommen meiden. Doch Heller schlägt eine andere Strategie vor: Da sich durch die Preisgabe von Informationen im Internet viele neue Möglichkeiten ergeben, sollten wir der Post-Privacy ruhigen Mutes entgegensehen. Damit die Kontrolle über unsere Daten nicht nur von „oben“ – seien es Staaten oder Konzerne – ausgeht, müssten wir „unten“ einander transparent gegenübertreten. Der Gegensatz zwischen Oben und Unten müsse durch Datenfreiheit aufgehoben werden. Heller sieht deshalb den Datenschutz, der ja auch von oben kommt, nur als „Brückentechnologie“ auf dem Weg in die totale Transparenz an. Und er selbst geht mit gutem Beispiel voran: Auf seiner selbst programmierten Webseite plomlompom.de veröffentlicht der 26-Jährige nicht nur seinen Terminkalender, sondern auch sein zu versteuerndes Jahreseinkommen und Auszüge seines Girokontos.

Dass zu solcher Offenheit ein gewisser Mut gehört, ist unbestritten. Allerdings stellt sich die Frage, ob ein ähnlicher Umgang mit brisanteren Daten nicht auch zu Diskriminierung, Mobbing oder Drohungen führen kann. So plädiert Heller am Ende seines Buches dafür, „bestimmte Sachen nicht an sich heranzulassen“. Das kann sich einerseits auf besonders mitteilungsbedürftige Facebook-Freunde beziehen. Andererseits aber auch auf Reaktionen anderer, wenn man sein Privates offen legt. Man sollte sich deshalb auch „nicht sofort ohne Notseil ins offene Meer stürzen“, mahnt Heller. Vorsichtiges Experimentieren sei eher angebracht. Und so ist sein Buch am Ende weniger ein radikales Plädoyer für absolute Transparenz, als vielmehr präzise Beschreibung unserer Zeit, in der die Grenze zwischen öffentlich und privat zunehmend verschwindet.
  • Heller, Christian: Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre. München: Beck 2011.174 Seiten. 12,95 Euro.
  • Schaar, Peter: Das Ende der Privatsphäre – Der Weg in die Überwachungsgesellschaft. München: Bertelsmann 2007. 256 Seiten. 8,95 Euro.

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