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Merzig

Kein Mann für große Gesten


Autor: Von SZ-Redakteur Tobias Kessler

In Besseringen geboren, in Trier studiert, in München Karriere gemacht. Der Künstler Alfons Kiefer arbeitet seit über 30 Jahren für Kunden aller Art – darunter Agenturen, „Stern“ und „Spiegel“. Wir haben ihn in Merzig getroffen, wo er ein Buch mit seinen Arbeiten vorgestellt hat. (Veröffentlicht am 18.05.2013)


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Merzig.Große Gesten? Prätentiöse Künstler-Rhetorik? Beides ist Alfons Kiefers Sache nicht. Lieber erzählt er in gemütlichem Duktus Anekdoten, von Zeitdruck, von zahlungsunwilligen Kunden, vom Stromausfall in einem New Yorker Café wegen seiner zu starken Fotolampen, von seinem Morgenrhythmus („Kaffee, ‚Süddeutsche Zeitung', und um 9 ins Atelier“). Dazu zwirbelt er seinen drahtigen Schnurrbart, der ein wenig an Asterix erinnert.

Seit über 30 Jahren malt Kiefer für Auftraggeber aller Art: Agenturen, Magazine, Privatkunden. „Auftragskunst“ also. Gegen den Begriff hat er nichts. „Kunden haben feste Vorgaben, die ich erfülle“, sagt er. „Wenn Leute ein Porträt bestellen, haben sie ein Recht darauf, den Porträtierten auch zu erkennen – sie wollen ja keine freie Interpretation.“ Dass seine Bilder fast jeder schon einmal gesehen hat, er aber ein großer Unbekannter ist, stört ihn nicht. Wichtig ist ihm das Handwerk, auf das er stolz ist. „Da muss man technisch mehr können als viele freie Künstler.“

Geboren wurde Kiefer vor 60 Jahren im Merziger Stadtteil Besseringen; in Trier studiert er ab Mitte der 70er Jahre Kommunikations-Design. Seine Abschlussarbeit 1979 ist ein Liederbuch über den bayerischen Bluesmusiker Willy Michl – mit Illustrationen und Texten, buchstabenweise in Blei gesetzt. „Das kann man nur noch jemandem erzählen, der mein Alter hat“, sagt Kiefer. Wer diese alte Technik nicht mehr kenne, werde angesichts des Buchs „Ist das alles?“ fragen. „Aber ich habe drei Monate dran geschuftet“ – und die notwendigen teuren Materialien bei Händlern in Naturalien bezahlt: mit Aquarellporträts der jeweiligen Verwandten.

Nach dem Schuften kam die Jobsuche in München, der vielen Verlage wegen („wäre ich in Trier geblieben, hätte ich wohl vor allem Weinetikette entworfen“). Die erste Anlaufstelle wird gleich zum Türöffner: der „Playboy“, dessen Illustrationen, darunter die von Gottfried Helnwein, ihm besonders imponieren. „Die schönen Frauen im Heft habe ich halt toleriert.“ Dort bekommt er seine ersten Aufträge; bei Terminen geht er gerne immer eine halbe Stunde früher ins „Playboy“-Verlagshaus, um sich die Originale der Bilder der Kollegen an den Wänden anzuschauen. Kiefers Kundenliste wächst stetig, der „Stern“ schließt sich an, die selige „Quick“, der „Spiegel“, Werbeagenturen. Viele der Arbeiten kann man im Buch sehen, das der mit ihm befreundete SZ-Redakteur Wolf Porz und Kiefer herausgegeben haben – als erstes Großprojekt des saarländischen Gollenstein-Verlags nach Insolvenz und Wiederauferstehung. Da sieht man Kanzlerin Angela Merkel im BH als Werbung für einen Unterwäsche-Hersteller, der sich wohl einen kleinen Eklat mit PR-Rummel erhofft hatte (vergeblich); Illustrationen für Reportagen im „Playboy“ und Romane im „Stern“ entführen mit Fotorealismus in detaillierte Welten von Sex & Crime; Arbeiten für den „Spiegel“ zeigen einen kopflosen Guido Westerwelle und einen verschwitzten Muhammad Ali. Der „Spiegel“ wollte ein Foto des Boxers drucken, doch es war nicht scharf genug. „Da sagten sie mir: ‚Mal das als Bild – aber mach es schärfer!'“. Kiefers Bild wurde dann so realistisch, dass man glaubt, sich in des Boxers Schweißperlen spiegeln zu können.

Im Buch zu sehen ist natürlich auch die Hüllenkunst für die „Anthology“-CDs der Beatles. Grafiker Klaus Voormann, der 1966 die Hülle des „Revolver“-Albums entwarf, hatte sich 1994 um den Auftrag für „Anthology“ beworben und wollte sich vom branchenbekannten Kiefer in Sachen Photorealismus ein wenig schulen lassen. Der Beginn einer Freundschaft – unter Zeitdruck malten sie die Arbeit dann gemeinsam. „Buchstäblich Schulter an Schulter“, sagt Kiefer, „gut, dass Klaus Links- und ich Rechtshänder bin“.

Das witzige Finale des Buchs bieten die Fotos, die Kiefer als Vorlage für seine Werke geschossen hat. Da musste er oft improvisieren. Die Pose etwa eines Skispringers entstand zuhause. „Das Sportmodel lag mit verwinkelten Beinen und dem Kopf nach unten auf meinem Münchener Sofa.“ Der Rest? Handwerk – und Kunst.
 
  • Alfons Kiefer: Illustrationen, Zeichnungen und Gemälde. Herausgegeben von Wolf Porz und Alfons Kiefer. Gollenstein Verlag, 191 Seiten, 29,90 Euro.

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