Experten wie die Humangenetikerin Katja de Bragança sagen dazu: "Menschen mit Down-Syndrom sind ein bisschen wie Fremde in unserem Land. Man starrt sie an, als wären sie kurdische Hausfrauen. Man begegnet ihnen mit Ahnungslosigkeit und jeder Menge Phantasie." Katharina kümmert das wenig. Mit einem gewinnenden Lächeln begegnet sie jeder Art von Argwohn. Und mit unbändigem Ehrgeiz und außergewöhnlichem Fleiß strebt sie dem Erreichen ihrer Ziele entgegen. Wie kürzlich beim Bergwander-Urlaub mit Freunden in Disentis im Schweizer Kanton Graubünden. Die geplante Tagesroute über 1100 Höhenmeter zum Gipfel des Caischavedra hat es wahrlich in sich. Steilste Geröllpfade, die "Bullenhitze" und unwegsame Matschpassagen werden zu einer echten Herausforderung mit Grenzerfahrung.
Die bekommt auch Katharina zu spüren, die sich nach körperlicher Anstrengung gewöhnlich mit "Wildem-Hühner-Tee" - einem Früchtetee, benannt nach der bekannten Jugendbuchserie von Cornelia Funke - zu stärken pflegt, wie sie laut prustend verkündet. Aber auch dieser hilft hier scheinbar nicht mehr. Auf halbem Wege macht sie schlapp. Alle haben Verständnis. Vier Unverdrossene streben dem See in Gipfelnähe entgegen, Mama Margot will mit ihrer Tochter umkehren. Aber dann, Stunden später, als die erfolgreichen Gipfelstürmer gerade talabwärts gehen wollen, tauchen am Horizont eine vor Freude strahlende Katharina mit ihrer keuchenden, aber glücklichen Mutter im Schlepptau auf. "Sie hat es geschafft, sie hat es tatsächlich geschafft", kommentiert ihre Schwester Elisa nicht ohne Stolz. Ein ergreifender Moment zum Thema "Der Wille kann Berge versetzen" - oder in diesem Fall: erklimmen. Zum besseren Verständnis dieser Szene helfen die Informationen, dass Menschen mit Down-Syndrom neben geistiger Einschränkungen oft klein und übergewichtig sind, mit verminderter Muskelspannung und Herzfehlern zu kämpfen haben, um nur einige Merkmale zu nennen. Aber Handicaps können beklagt oder Schritt für Schritt umschifft und wegtrainiert werden. "Eine Typfrage", wie auch Constanze Olbrich meint. Sie ist Vorsitzende des Vereins Saar 21, der sich um die Belange und Förderung von Menschen mit Down-Syndrom kümmert. Als sie diese Einschätzung ausspricht, beobachtet sie gerade Katharina Reichelt beim Üben für ihren Lebenstraum, beim Cellospielen. Das sie mit eben jenem schon in den Bergen gezeigten Ehrgeiz "morgens, mittags und abends zur Freude ihrer selbst" betreibt, wie ihre Mutter sagt. Seit frühester Kindheit macht sie Musik. Erst Blockflöte, seit acht Jahren schließlich streicht und streichelt sie ihr Cello, liebkost es wie ein Kuscheltier.
Das Deutsch-Französische Instrumentalensemble unter Leitung von Götz Hartmann probt im Gemeindezentrum Alte Kirche in Saarbrücken für Katharinas ersten öffentlichen Auftritt mit Orchester am 17. Januar in Saarbrücken. Das Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur des französischen Komponisten Jean Baptiste Bréval (1753-1823) muss einstudiert werden mit dem Laien-Ensemble. Das ist Integration der wünschenswerten Art, zumal die Ensemble-Mitglieder die Behinderte in ihrer Mitte als Bereicherung ansehen. Katharina ist aufgeregt. Nicht jeder Ton sitzt sofort. Es hakt mal hier, mal da. Auch Misstöne quietschen durch den Raum. Ihre langjährige Cello-Lehrerin Sabine Heimrich ist merklich aufgeregt - und ordnet das Gehörte ein: "Sie macht das gut, sie macht das gut", sagt sie zwischen den einzelnen Übungsteilen und gibt zu, dass sie Katharina nicht zugetraut hat, was hier zu hören und zu sehen ist.
"Ich bin ein Cellokind"
Immer wieder gibt sie ihrem Schützling Tipps, wie sich die bisherige Solokünstlerin leichter in die ungewohnte Orchester-Harmonie einfinden kann. Ein Kunststück, denn "Menschen mit Down-Syndrom haben kein Zeitgefühl", erklärt die Cello-Lehrerin und verrät, wie sie dieses Manko auszugleichen versucht: "Zu jedem neuen Stück gebe ich ihr eine Kassette. Die muss sie immer und immer wieder hören. Macht sie das mal nicht, merke ich das sofort an ihrem Spiel." Doch das passiert selten, denn die nur 1,42 Meter große Katharina, die mit viel Gefühl und Inbrunst ihr winzig anmutendes Halb-Cello streicht, hat einen großen Traum: Sie will Berufsmusikerin werden, auch wenn das nach Einschätzung von Experten mit ihrer Beeinträchtigung nahezu unmöglich ist. Katharina aber ist selbstbewusst und sieht das anders: "Ich studiere Cello", sagte sie schon früh ihrem Kinderarzt auf die Frage nach dem Berufswunsch. Dieser hat mit seiner eher skeptisch-augenzwinkernden Antwort "Na, ob das klappt?" Katharinas Willen nur noch zusätzlich bestärkt. Eine zumindest kleine Karriere soll es für die Schülerin der Waldorfschule für Lernbehinderte in Bildstock schon werden. Es wäre ein großer Schritt für ein selbstbestimmtes Leben jener jungen Dame, die von sich behauptet: "Ich bin ein Cellokind."Die Solokünstlerin Katharina Reichelt spielt am Samstag, 17. Januar, erstmals öffentlich mit einem Orchester. Ab 18 Uhr tritt die Cellistin mit dem Deutsch-Französischen Instrumentalensemble in der Johanneskirche Saarbrücken auf.




































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