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„Fast alle hatten Haiti vergessen“

Von SZ-Mitarbeiter Benjamin Rannenberg, 17.01.2010 18:10
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Foto: dpa
Jacob Dumé wohnt in St. Ingbert. Seine Familie lebt in Haiti, nahe der Hauptstadt Port-au-Prince. Sie ist beim Erdbeben am Dienstagabend mit dem nackten Leben davongekommen, wie er am Mittwochmorgen erfuhr.
 St. Ingbert. Als Jacob Dumé  zum ersten Mal mit seinem Vater in Haiti, am Mittwochmorgen telefonierte, reichte die Zeit gerade, um über das Allernötigste zu reden. Alle aus ihrer Familie seien noch am Leben - seine Mutter, sein jüngerer Bruder und seine Großeltern, sagte der Vater. Zwei Minuten dauerte das Gespräch nur, dann riss die Verbindung ab. „Im ersten Moment war das für mich unvorstellbar das so etwas meinem Heimatland passiert ist“, sagt Dumé der Saarbrücker Zeitung, drei Tage nach dem ersten Lebenszeichen seiner Angehörigen. Alles habe seine Familie verloren. Das einzige, was ihnen noch nach dem Erdbeben geblieben sei, seien die Kleider, die sie am Leib tragen.

Der 23-Jährige Haitianer wohnt in St. Ingbert, studiert Medizin an der Universität des Saarlandes. Auch sein ein Jahr älterer Bruder Moisé lebt im Saarland. Im Saarland haben sie bis jetzt einen Haitianer kennengelernt.
 
Dann am Samstag, vier Tage nach dem ein Erdbeben die haitianische Hauptstadt und Teile des Südens erschütterte, den Palast, Ministerien, Schulen, Kranken- und Wohnhäuser in Schutt und Asche legte, sagt Dumé hätte er mit seinem Bruder Gethro telefoniert. Wieder blieb nur Zeit, um über das Allerwichtigste zu sprechen: Alle seien noch am Leben, die Familie würde nun auf der Straße, unter freiem Himmel in Petit Goave schlafen – aus Angst vor einem weiteren Beben, erzählte der ihm. Zu Essen gebe es im Ort kaum noch.

Petit Goave heißt die Heimatstadt von Jacob Dumé. Sie liegt etwa 60 Kilometer von Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis entfernt. Dumé schätzt, dass dort vor der Katastrophe einige Zehntausende gelebt haben. Eine genaue Einwohnerzahl zu nennen sei aber fast unmöglich, denn es gebe auf dem Inselstaat kein Melderegister und viele Haitianer hätten noch nicht einmal einen Pass. In Petit Goave ist Jacob zusammen mit seinen zwei Brüdern aufgewachsen. Ihnen ging es dort, verglichen mit anderen Familien gut, sagt sein Bruder Moisé. Dort leben noch heute seine Eltern, der Vater gelernter Elektriker, die Mutter Krankenschwester und sein 18 Jahre alter Bruder Gethro und seine Großeltern.

Bilder aus ihrer Heimatstadt haben die Dumé-Brüder bislang weder im Fernsehen noch im Internet gesehen. Moisé habe gehört Petit Goave liege zu 80 Prozent in Trümmern. Auch das Krankenhaus in ihrer Heimatstadt sei zerstört worden. Die medizinische Infrastruktur sei auch in Port-au-Prince fast völlig durch das Erdbeben zertrümmert. Das einzige große öffentliche Krankenhaus sei eingestürzt. Mit Ausnahme eines noch intakten privaten Hospitals gebe es in der Hauptstadt keine medizinischen Einrichtungen mehr.

Als Jacob Dumé zum ersten Mal von dem Schicksal seiner Familie hörte und die Bilder der Katastrophe im Fernsehen sah, sei er sehr traurig geworden. Am vierten Tag nach der schweren Naturkatastrophe sagt er gefasst: „Fast alle hatten Haiti vergessen. Seit dem Erdbeben wissen wieder alle das unser Land noch existiert.“ 
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