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Berlin

Minister Bahr will Senioren-Wohngemeinschaften fördern

Von dpa-Mitarbeiter Basil Wegener

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland könnte laut offizieller Prognose von 2,3 auf 4,5 Millionen bis 2050 steigen. Wer kümmert sich um sie? Gesundheitsminister Bahr will Senioren-Wohngemeinschaften fördern. (Veröffentlicht am 08.02.2012)

Das Alter gemeinsam in häuslicher Atmosphäre verbringen? Immer mehr ältere Menschen sind von der Idee einer Wohngemeinschaft angetan.Foto: Waltraud Grubitzsch (dpa, Symbolbild)

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Berlin. Henning Scherf lebt es vor. Der Bremer Alt-Bürgermeister (73) wohnt mit teils ebenfalls betagten Freunden unter einem Dach – „Wohngemeinschaft“ nennt er es, eigentlich ist es eher ein Mehrgenerationenhaus mit verschiedenen Wohnungen. Geht es nach Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), sollen solche Beispiele vor allem für Pflegebedürftige und Demente Schule machen. Ist die Pflege-WG ein Zukunftsmodell angesichts stark steigenden Pflegebedarfs in Deutschland?

Bahr beansprucht mit diesem Bestandteil der geplanten Pflegereform, den Betroffenen helfen und gleichzeitig die knappen Geldmittel bündeln zu wollen. „Die Menschen wollen so lange wie möglich zu Hause bleiben und nicht ins Heim“, sagt er. Deswegen sollen neue Wohnformen für Pflegebedürftige gefördert werden. „Auf lange Sicht kann es auch Kosten sparen.“

Mit neu hinzukommenden 200 Euro pro Monat und Betroffenem soll zum Beispiel eine vierköpfige Wohngruppe in Pflegestufe 1 bis zu 3460 Euro für Pflege- oder Hilfskräfte bekommen können. Konkret könnte das so aussehen, dass die alten Leute selbstständig zusammenleben, sich gegenseitig helfen, aber regelmäßig Pfleger oder Helfer empfangen. Mit einer neu geplanten 10 000-Euro-Förderung für so eine WG soll es künftig bis zu 20 228 Euro geben, wenn ein Bad und andere Teile der Wohnung behindertengerecht gemacht werden sollen.

Aktuell rückt der an Alzheimer erkrankte ehemalige Schalke-Manager Rudi Assauer das Schicksal von Menschen ins Bewusstsein, die Pflege oder Hilfe brauchen. Es ist das Schicksal von Millionen. Können die Pläne der Koalition die Not lindern? Schnell hagelt es Kritik von Opposition und Verbänden. SPD-Fraktionsvize Elke Ferner hat nach eigenem Bekunden zwar nichts gegen eine solche Förderung einzuwenden. Schließlich stieg schon Ex-SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit ihrer Pflegereform in solche Modelle ein. Doch sie moniert, Bahr plane dafür keine frischen Mittel ein, sondern wolle 30 Millionen Euro verwenden, die für Pflegestützpunkte nicht gebraucht würden. Und: „Die Pauschale für Pflegehelfer reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben.“ Wegen geringen Umfangs der Förderung bleibe der Erfolg wohl aus.

Auch die Linke-Fachfrau Kathrin Senger-Schäfer bemängelt: „Bahr schreibt damit prekäre Beschäftigung gesetzlich fest.“ Der Paritätische Gesamtverband zeigt sich ebenfalls skeptisch.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Elisabeth Scharfenberg, Pflegeexpertin bei den Grünen, sagt mit zufriedenem Lächeln: „Bahr folgt damit einem Grünen-Trend.“ Scharfenberg propagiert schon seit langem Alternativen zum Heim oder zur Pflege durch oft überforderte Angehörige. Doch sie mahnt: „WGs alleine reichen nicht.“

So bauen Pflegeheime nicht selten ihre Einrichtung um – und fertig ist ein Haus mit mehreren WGs. „Wir wollen keine Förderung von Schein-WGs“, sagt Scharfenberg. Bereits heute gibt es Wohngemeinschaften, Häuser mit mehreren Generationen vom Säugling bis zum Sterbenden unter einem Dach sowie Pflegefamilien. Entweder gaben die Betroffenen selbst den Anstoß oder Verwandte. Mitunter sind auch Pfleger die Gründer solcher Häuser, frustriert von der Arbeit im Heim.

Bei ihren Besuchen in entsprechenden Einrichtungen hat Scharfenberg aber auch erfahren: „Man darf das nicht durch die rosarote Brille sehen. Manchmal scheitert es daran, dass es zwischenmenschlich kriselt.“ Pflege-WGs können auch psychologische Begleitung brauchen.

Dass die Förderung missbraucht werden könnte, hat das Bahr-Ressort im Blick. Qualitätsstandards und Qualitätssicherung sollen helfen. Und wenn nicht? „Ich denke“, sagt der Minister, „nie an das Schlechte im Menschen.“



Hintergrund

Im Saarland gibt es bereits mehrere Häuser, in denen Senioren selbstbestimmt zusammenleben, etwa das Seniorenhaus der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Lebach oder die Wohngemeinschaft für Senioren der Stiftung Hospital in St. Wendel. In Lebach können acht Senioren-Gruppen mit bis zu zwölf Personen zusammen wohnen. In St. Wendel leben 15 ältere Menschen in einem Appartmenthaus zusammen.

Darüber hinaus hat die Stiftung Hospital ein zweites Seniorenhaus in Theley errichtet, mit 33 barrierefreien Appartements, die in Kürze bezogen werden sollen. In allen genannten Häusern versorgen sich die Bewohner, so weit es geht, selbst. Unterstützt werden sie von Hauswirtschafterinnen, die ihnen bei Bedarf beim Waschen oder Einkaufen helfen. Darüber hinaus können die Senioren ambulante Pflege in Anspruch nehmen. Gemeinsame Unternehmungen sind fester Bestandteil des Tagesablaufs. Die Bewohner kochen zusammen, gehen spazieren oder machen Ausflüge. gha


Meinung

Nur ein Mosaikstein

Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Pflege-WGs können nur ein Mosaikstein im Pflegereformkonzept von Gesundheitsminister Daniel Bahr sein. Töricht wäre es zu glauben, solche Wohngemeinschaften würden Pflegeheime ersetzen. Nach Angaben von Experten gibt es bereits einige hundert Pflege-WGs in Deutschland, die sich aber weitgehend einer professionellen Aufsicht entziehen. Wenn es Bahr wirklich Ernst mit seinen WG-Plänen ist, dann muss er auch für das entsprechende Fachpersonal sorgen. Das ist aber schon jetzt Mangelware. In Bahrs Konzept ist auch keine Abhilfe erkennbar. So liegt der Verdacht nahe, dass der Minister die WGs in erster Linie als Sparlösung begreift. Pflege braucht menschliche und professionelle Zuwendung. Dieser Grundsatz muss auch für Wohngemeinschaften von Pflegebedürftigen gelten.


Interview

„Senioren müssen sich ihre Wohnform aussuchen können“

Über den Plan von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), Senioren-Wohngemeinschaften zu fördern, sprach SZ-Redaktionsmitglied Gregor Haschnik mit dem Münchener Pflegeexperten Claus Fussek.

Herr Fussek, was halten Sie von Daniel Bahrs Plan, Senioren-WGs zu fördern?

Fussek: Die Idee ist zu begrüßen, aber nichts Neues. Es gibt bereits alternative Wohnangebote für Senioren, aber leider immer noch nicht flächendeckend. WGs allein werden das Pflege-Problem jedoch ohnehin nicht lösen. Eine WG ist für viele ältere Menschen nicht die richtige Wohnform – sei es, weil sie sich nicht in eine Gemeinschaft integrieren wollen oder weil sie auf intensive Pflege angewiesen sind. Senioren müssen sich ihre Wohnform aussuchen können.

Welche Vorteile kann eine Senioren-WG jemandem bieten, der dafür geeignet ist?

Fussek: Ältere können dort selbstbestimmt leben und gleichzeitig der Einsamkeit entfliehen, etwa indem sie mit Mitbewohnern kochen. In einer gemütlichen Wohnung, die sie selbst eingerichtet haben. Außerdem können WGs pflegende Angehörige entlasten – und die Arbeitszufriedenheit von Pflegern erhöhen. Diese müssen in einer WG nicht wie am Fließband arbeiten, sondern können auf die individuellen Bedürfnisse der Senioren eingehen. Allerdings gibt es auch WGs, in denen die Bewohner überfordert sind, weil die Pflegedienste sie schlecht versorgen. Unabhängig von der Wohnform steht und fällt die Lebensqualität von Senioren mit den Menschen, die sich um sie kümmern.

Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, damit Menschen in Würde altern können?

Fussek: Wir brauchen ein Umdenken: Die Menschen vor Ort – die Städte, Bürgerinitiativen, Nachbarn, Bekannten – müssen Verantwortung für ihre Senioren übernehmen und sich kümmern. Wir müssen flächendeckend verschiedene Betreuungsangebote – nicht zuletzt in der Tagespflege – schaffen, um den Betroffenen Wahlfreiheit zu ermöglichen. Außerdem müssen wir die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf verbessern. Und wir müssen unsere Pflegeheime so umgestalten, dass wir die Wünsche nach Wohngruppen oder Einzelzimmern erfüllen können.

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