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Tourismus-Messe ITB in Berlin eröffnet

Von SZ-Redakteurin Christine Maack

Betuchte reisen häufiger, während ein Teil der Deutschen kaum noch Geld für Urlaub erübrigen kann. Das hat die Reisebranche erkannt. Luxushotels schießen aus dem Boden. Trendziele: Fernost und Afrika. (Veröffentlicht am 10.03.2010)

Berlin. Als vor über zwei Jahren die Finanzkrise ausbrach, hieß es unter Anlegern: Ihr Geld ist nicht weg, das hat jetzt nur ein anderer. Passend zur ITB, der weltgrößten Tourismus-Messe in Berlin, die von heute an bis zum 14. März ihre Tore öffnet, gilt ein ähnlicher Spruch fürs Hotelgewerbe: Ihre Gäste sind nicht weg, die sind nur gerade woanders.

Denn seit einigen Jahren hat die Tourismusbranche erkannt, dass man sein Geld nicht unbedingt mit Masse, sondern mit Klasse verdient. So gab das thailändische Tourismusbüro TAT im Vorfeld der ITB unumwunden zu, dass es "nicht auf die Anzahl der Touristen ankommt, die nach Thailand reisen, sondern vielmehr darum, wieviel Geld sie ausgeben". Deshalb wolle man für 2010 keine Steigerung der Touristenzahlen erreichen, sondern mit weniger Touristen mehr Geld verdienen. Das bedeutet bei uns wiederum, dass ein Teil der Bevölkerung kaum noch in Urlaub fahren kann, während ein anderer Teil, den die FDP die "Besserverdiener" nennt, immer öfter unterwegs ist. Das, so Carmen Stromberger, die in München eine PR-Agentur für Luxushotels betreibt, habe dazu geführt, dass im obersten Segment immer mehr neue Hotels entstehen. Und zwar vorwiegend in Fernost und Afrika, den anvisierten Trendzielen.

Gerade mit den neuesten Trendzielen hat es die Reisebranche schwer, denn hier werden Milliardeninvestitionen getätigt, die sich am Ende auch lohnen müssen. Deshalb beginnt die ITB heute zum Eröffnungstag prompt mit dem Vortrag: "Megatrends in den Bereichen Demographie, Klimawandel, Technologie und Konsumentenverhalten" mit mehreren Experten, die Zukunftsszenarien für die Tourismusbranche entwerfen sollen. Und doch bleibt Trendforschung immer auch Kaffeesatzlesen, denn Reisekunden verhalten sich unberechenbar.

Sie entscheiden sich oftmals erst kurzfristig für ein Ziel, das dann aber seinerseits über die komplette Infrastruktur verfügen muss. Das größte Risiko aus diesem Verhalten ergibt sich für Kreuzfahrt-Reedereien, die schon über ein Jahr im voraus komplett ausgestattete Logistik-Pakete geschnürt haben müssen, von Personal-Rekrutierung bis Hafenliegezeiten - und sich dann keinesfalls leere Kabinen leisten können.

Aber so schlecht schaut der Reisemarkt in diesem Jahr gar nicht aus, "denn trotz Verunsicherung und Zukunftssorgen wollen die Deutschen auch 2010 ihrem Ruf als Reiseweltmeister wieder gerecht werden", sagt Ulrich Reinhardt, der Tourismusexperte der Stiftung für Zukunftsfragen des BAT-Instituts in Hamburg. Nach seiner Studie sitzen 42 Prozent der Deutschen bereits auf gepackten Koffern und planen fest, 2010 wenigstens eine Reise zu unternehmen. Das ergab die Tourismusanalyse der Stiftung, in der 4000 Bundesbürger befragt wurden.

Der Traum vom Strand fällt diesmal umso leichter, als in diesem Jahr die Türkei zum offiziellen Partnerland der ITB auserkoren wurde und das Berliner Kongresszentrum in bunten Farben leuchtet wie der Vorhof zum Paradies. Dazu passt, dass allein im vergangenen Jahr 4,5 Millionen Deutsche in der Türkei Urlaub machten, das ist der dritte Platz hinter Spanien und Italien - und damit noch vor Österreich. Das Land am Bosporus präsentiert sich in Berlin auf mehr als 3000 Quadratmetern und setzt dabei auch auf die Strahlkraft Istanbuls, das neben Essen und dem ungarischen Pécs Kulturhauptstadt Europas 2010 ist.

Die 11 000 Aussteller aus 180 Ländern hoffen auch diesmal wieder, dass für sie in Berlin ein Stück vom Kuchen abfallen möge. Denn zum Glück für die Anbieter wird der Urlaub gerne in Häppchen aufgeteilt: hier eine Städtereise, dort ein paar Tage am Meer, bei trübem Wetter etwas Wellness in der Nähe. Das erklärt den Aufstieg Deutschlands als beliebtestes Reiseland.

Zwei von fünf Reisen fanden zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen statt, Berlin avancierte zum begehrtesten Ziel für Städtereisen: 8,3 Millionen Besucher statteten der deutschen Hauptstadt 2009 einen Besuch ab, das entspricht einem Zuwachs von 4,5 Prozent. Vor allem der demografische Wandel stützt die Entwicklung hin zum Deutschland-Urlaub.

Reinhardt: "Die Senioren von heute und morgen wollen mehr als Sonne und Strand. Der Urlaub muss ihnen vor allem einen Mehrwert bieten: Service und Qualität, Gemütlichkeit und Atmosphäre." Trotz des nicht sehr berechenbaren Urlaubsverhaltens der Deutschen wissen die Reiseveranstalter eines ganz sicher: Geld ist vor allem mit den 50- bis 75-Jährigen zu verdienen. Und die sind oftmals dankbare Stammgäste, was in einer Branche, in der Erdbeben, Anschläge und Unfälle sofort zu Millioneneinbußen führen, als unschätzbarer Vorteil gilt.

Hintergrund

Mit asiatischen Tänzen, Castings für Animateure und einem Flugsimulator lockt die ITB Berlin in diesem Jahr die Besucher. Die Messe Berlin rechnet mit 170 000 Gästen, davon 70 000 Privatbesucher. Die ITB beginnt am 10. März zunächst für das Fachpublikum, am Abschlusswochenende, 13. und 14. März, steht sie von 10 bis 18 Uhr allen Interessierten offen.

Das Tagesticket kostet 14 Euro, im Online-Vorverkauf zwölf Euro. Für Sonntag von 14 bis 18 Uhr gibt es ein Last-Minute-Ticket für acht Euro. maa

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