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Sportwissenschaftler eröffnet mit Psychologe und Kriminologe ein Institut für Fankultur





Berlin
Sportwissenschaftler eröffnet mit Psychologe und Kriminologe ein Institut für Fankultur
Von dpa-Mitarbeiter Matthias Bossaller,  04. April 2012, 18:03 Uhr
Fankultur als Forschungs-Projekt: Fußball-Anhänger werden oft mit Gewalttätern gleichgesetzt. Das ist rundweg falsch, sagt Harald Lange. Der Universitäts-Professor hat ein Institut eröffnet, um das wahre Wesen der Fans zu ergründen. Er sagt: „Ein Stadionbesuch war noch nie so sicher wie heute!“
Berlin. Das Thema Fankultur reizt Harald Lange ungemein. Der Universitäts-Professor benutzt dann Worte wie „spannend“, „facettenreich“ oder „faszinierend“. Doch was ist Fankultur eigentlich? Was macht einen Fan aus? Und vor allem: Wer definiert das alles? Professor Lange geht diesen Fragen seit Jahren nach. Deshalb hat der Sportwissenschaftler mit einem Psychologen und einem Kriminologen das erste Institut für Fankultur in Deutschland gegründet. Er will an den Standorten Köln und Würzburg das Wesen der Fußball-Fankultur wissenschaftlich entschlüsseln.

Lange, der am Lehrstuhl für Sportwissenschaft an der Julius-Maximilians-Uni in Würzburg unterrichtet, hat sich auch viel mit Gewaltprävention beschäftigt. „Derzeit wird in Medien das Bild des gewaltbereiten Fans geprägt. Das ist der Fankultur nicht angemessen“, betont er und wagt die These: „Ein Stadionbesuch war noch nie so sicher wie heute!“ Bevölkerung, Medien, Verbänden und Polizisten fehle oft das fundierte Wissen. „Wir verfügen nur über Alltagskenntnisse und wissen gar nicht, wie sich die Fankultur unterscheidet“, sagt Lange. Daher möchten er und seine Kollegen sich Wissen aneignen, das auf Fakten basiert: „Wir wollen wissen, was passiert rechts und links von den 98 Prozent Fans, die nicht gewalttätig sind.“ Die erarbeiteten Erkenntnisse würden sie gerne Fans, Clubs und Verbänden zur Verfügung stellen, um Gewalt und Ausschreitungen zu verhindern. „Wir können der Deutschen Fußball-Liga nicht sagen, was sie zu tun hat. Wir können aber im Hintergrund beraten und zwischen Parteien vermitteln“, sagt der Institutsleiter. Es gehe darum, etwa Pauschalurteile gegenüber Ultras abzubauen. Auswärtsfans den Zugang zum Stadion zu verwehren, wie vor kurzem Fans von Eintracht Frankfurt im Spiel bei Union Berlin (4:0), sei der falsche Weg, der Gewalt Herr zu werden. „Repressionen erzeugen Gegendruck und bringen nicht das gewünschte Ergebnis“, sagt Lange.

In der Fan-Szene kommt das neu gegründete Institut, das die Mitarbeiter noch selbst finanzieren, gut an. „Wir erhalten unglaublich viele Anfragen. Damit hätten wir gar nicht gerechnet“, sagt Langes Kollege, der Psychologe Martin Thein. Die Fans setzen viel Hoffnung in die Arbeit des Trios, das in Köln und Würzburg tätig ist. „Bei den Fans entsteht oft eine Gruppendynamik und ein Gruppenzwang“, sagt Matthias Saathoff vom Dortmunder Fanclub „BVB-Freunde“. Daher sei es gut, wenn es ein Institut gibt, das einen neutralen Blick auf die Fankultur hat, um gefährlichen Entwicklungen entgegensteuern zu können. Er ist überzeugt: Hätte es solch ein Institut bereits vor 15 Jahren gegeben, hätten sich Hooligans oder gewaltbereite Ultras in der Fan-Szene gar nicht so etablieren können. Thein geht allerdings davon aus, dass eine solche Gründung vor zehn Jahren unmöglich gewesen wäre: „Damals hatte der Fußball in Deutschland noch gar nicht die gesellschaftliche Bedeutung, wie wir es heute kennen.“

Aktuell ist die Resonanz indes immens. Deshalb möchte das Institut Ende Juni an der Universität in Würzburg ein Blockseminar zur Fankultur veranstalten. Dann sollen Studenten und Experten ins Gespräch kommen und ihr Wissen austauschen. Hauptsächlich konzentrieren sich Lange und Co. derzeit allerdings auf die Arbeit an einem deutschlandweiten Fan-Atlas. Das Geld hierfür beantragen Lange und seine Kollegen bei Forschungseinrichtungen und Stiftungen. „Bislang gibt es nur kleine Erhebungen. Wir wollen aber eine flächendeckende Studie, die uns repräsentative Daten zur Fankultur liefert“, sagt Lange.

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