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Geruchsbelästigung: Dicke Luft im Warndt





Carling/Warndt
Geruchsbelästigung: Dicke Luft im Warndt
14. April 2014, 12:21 Uhr
Seit Monaten klagen die Menschen im Warndt über Gestank, der mutmaßlich von der Carlinger Chemieplattform stammt. Sie fürchten um ihre Gesundheit und fordern ein Eingreifen der Politik. Das Saar-Umweltministerium konnte bei Luftmessungen jedoch kein Überschreiten der EU-Grenzwerte feststellen.


 
Die Bürger im Warndt haben die Nase voll. „Es stinkt“, sagt Heike Schreiner aus Dorf im Warndt. Die unangenehmen Gerüche wehen mutmaßlich von der Chemieplattform im französischen Carling/St. Avold herüber, wo unter anderem Kunststoff für Plastiktüten  hergestellt wird. Seit Monaten treibt der Gestank Bürger und Politik um: Besorgte Bürgermeister meldeten sich zu Wort, im Februar formierte sich die Bürgerinitiative „Saubere Luft für die Warndtgemeinden“, mit rund 1000 Unterstützern. An deren Spitze steht Heike Schreiner, die monatelang Daten über Carling zusammentrug. „Seit vergangenem Sommer ist die Geruchsbelastung stark gestiegen“, sagt sie. Viele Bürger hätten gesundheitliche Probleme, erzählt Schreiner: „Hustenreiz, Reizung der Augen und Schleimhäute bis hin zu Schlafstörungen.“

Dass ein Zusammenhang mit Carling besteht, ist bislang nicht nachgewiesen, aber Schreiner betont: „Die Beschwerden treten immer dann auf, wenn Ruß- und Rauchwolken von Carling herüberziehen.“

Das Saar-Umweltministerium konnte bei eigenen Kontrollen bislang keine Zunahme der Geruchsbelastung feststellen. Bei Luftmessungen im Warndt seien auch keine europäischen Grenzwerte überschritten worden, heißt es aus dem Ministerium. Seit November führt das Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz auf Druck der Bürger nun zusätzliche Messungen in Dorf im Warndt und Karlsbrunn durch. Dabei wird Staubniederschlag gesammelt, der auf Stickoxide, Benzol, Toluol, Xylol und Styrol untersucht wird – auch hier bislang keine Auffälligkeiten.

Schreiner ist skeptisch: „Damit wird nur rückwirkend ein Jahres-Mittelwert berechnet.“ Sie und ihre Mitstreiter fordern kontinuierliche Messungen, die zeitnah öffentlich gemacht werden: „Wir wollen keinen Mittelwert, wir wollen, dass während der produktionsbedingten Emmissionsspitzen gemessen wird.“ Die Messungen des Landesamts reichen in ihren Augen nicht aus: „Es wird eine Vielzahl an Schadstoffen ausgestoßen, aber nur sehr wenige werden erfasst.“ Und zwar jene, die laut EU-Richtlinie eine Gefahr für die Gesundheit oder Umwelt darstellen. Die anderen Stoffe beunruhigen die Bürgerinitiative aber nicht weniger. Schreiner und ihre Mitstreiter setzen deshalb große Hoffnung in neue Gas-Sensoren, die Forscher der Saar-Uni entwickelt haben und die selbst kleinste Spuren von Luftschadstoffen aufspüren. Ursprünglich waren sie dazu gedacht, Gebäude automatisch zu lüften; nun wird geprüft, ob die Sensoren auch im Warndt einsetzbar wären.

Ein Dorn im Auge ist der Bürgerinitiative auch der „schleppende Informationsfluss“ zwischen Deutschland und Frankreich. Schreiner ärgert es, dass Warnmeldungen der französischen Behörden wegen hoher Feinstaubwerte es nicht über die Grenze ins Saarland schaffen. Die Warnungen stehen zwar auf der Webseite des lothringischen Luft-Messnetzes Atmolor, doch selbst das Saar-Umweltministerium räumt ein, dass die Seite ohne Französischkenntnisse „nicht immer leicht zu verstehen“ sei.

Vor kurzem haben nun der Stadtrat von Völklingen und der Gemeinderat von Großrosseln eine Resolution beschlossen. Sie fordern Auskunft von den Chemiefirmen über die verwendeten Stoffe, stundengenaue Messungen und ein umfassendes Informationssystem. Außerdem sollten die Chemiefirmen ihre Anlagen so umrüsten, dass „Geruchsauffälligkeiten“ abgestellt würden. Umweltminister Reinhold Jost (SPD) appelliert indes an die Kommunen, die CLICE stärker zu nutzen, eine Kommission, die Chemiefirmen, Behörden und Kommunen beider Seiten versammelt.

Nachdem Völklingens Bürgermeister Wolfgang Bintz (CDU) erklärt hatte, die Stadt habe keine Mitarbeiter mit der nötigen sprachlichen und fachlichen Kompetenz für die CLICE-Sitzungen, versprach Jost, einen Dolmetscher bereitzustellen. „In der CLICE können wir unsere Interessen vertreten“, betonte Jost. Die Chemieunternehmen müssten sich dort „sehr kritischen“ Fragen stellen. Konkrete Maßnahmen kann die CLICE jedoch nicht beschließen – das ist Sache der lothringischen Präfektur. Total, die Betreiberfirma der Chemieplattform, hat auf eine SZ-Anfrage bislang nicht reagiert.

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