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Studie: Hersteller bauen bewusst Schwachstellen in Produkte ein





Berlin
Studie: Hersteller bauen bewusst Schwachstellen in Produkte ein
Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß,  20. März 2013, 03:38 Uhr
Kaum ist die Garantie abgelaufen, geht das Gerät kaputt. Das hat jeder schon einmal erlebt. Verbraucher-Experten glauben, dass dahinter System steckt. So sollen die Kunden zum Kauf neuer Produkte gezwungen werden.


 
Berlin. Der alte Spruch: „Früher haben die Dinge länger gehalten als heute“, entspricht offenbar der Realität. Egal ob bei Druckern, Kopfhörern, Waschmaschinen, Kaffeevollautomaten oder Elektrozahnbürsten – immer häufiger bauen die Hersteller bewusst Schwachstellen und Material minderer Qualität ein, damit ihre Produkte schneller verschleißen oder kaputtgehen. Das ist zumindest das Ergebnis einer von der grünen Bundestagsfraktion in Auftrag gegebenen Studie, die der SZ vorliegt.

Wer kennt das nicht: Kaum sind Gewährleistung oder Garantie abgelaufen, schon gibt ein Gerät den Geist auf. Nach Ansicht des Verbraucher-Experten Stefan Schridde und des promovierten Volkswirtes Christian Kreiß, die das Gutachten für die Grünen verfasst haben, steckt dahinter System. So würden Hersteller Bauteile verwenden, die als versteckte Schwachstelle einen frühzeitigen Defekt auslösten. Auch würden technische Tricks angewendet, um die Nutzungsdauer eines Gerätes zu verkürzen. Die Leidtragenden, so die Gutachter, seien die Verbraucher, die in immer kürzeren Abständen neue Produkte kaufen müssten. Die Verfasser schätzen, dass die Deutschen mehrere Milliarden Euro unnötig bezahlen, weil die Haltbarkeit künstlich reduziert wird. In einer ihrer Modellrechnungen kommen die Experten sogar auf eine Gesamtsumme von jährlich bis zu 137 Milliarden Euro, wenn man davon ausgeht, dass die Privathaushalte rund ein Zehntel ihres Budgets für verschleißanfällige Geräte ausgeben.

In dem Gutachten werden zahlreiche Produkte aufgeführt, bei denen die Industrie täuscht oder trickst. Beispiel Drucker: Laut Studie bauen Hersteller Zähler ein, die nach einer bestimmten Anzahl von gedruckten Seiten das Gerät lahmlegen. Nach Zurückstellen des Zählers funktioniert der Drucker aber wieder einwandfrei. Beispiel Elektrozahnbürsten: Oftmals enthalten sie Akkus, die nicht ausgewechselt werden können und deren Ladefunktion rasch erschöpft ist. Das Gerät muss dann weggeworfen und ein neues gekauft werden. Beispiel Laptop: Die Gutachter haben festgestellt, dass Gehäuse und eingebaute Komponenten oft verklebt sind. So wird eine Reparatur erheblich erschwert und verteuert. Beispiel Kopfhörer: An den Verbindungsstellen sind Kabelbrüche wegen minderwertiger Verarbeitung selbst bei normaler Nutzung inzwischen der Normalfall. Beispiel Waschmaschine: Kaputte Heizstäbe wegen Materialermüdung zählen mittlerweile zu den häufigsten Reparaturfallen und „haben in den vergangenen Jahren signifikant zugenommen“, heißt es. Auch Türgriffe seien häufig nicht mehr separat lieferbar, sondern die Kunden müssten gleich die ganze Tür neu kaufen. Selbst bei Reißverschlüssen, Schuhsohlen, Textilien oder Bürostühlen wird laut Gutachten getrickst. Das Vorgehen der Hersteller sei eine „Schweinerei“, so die Grünen-Politikerin Dorothea Steiner. Frühzeitiger Verschleiß verursache nicht nur hohe Kosten, „sondern auch immense Müllberge“.

Insgesamt, so Schridde, habe er an die 2000 Meldungen von Verbrauchern über verdächtige Produkte erhalten. Gleichwohl gebe es heute viel mehr Geräte in den Haushalten und damit einen höheren Reparaturbedarf, räumt Schridde ein. Laut Studie werden Kunden auch dadurch zum Neukauf geködert, dass viele technische Geräte ständig in neuen Versionen auf den Markt gebracht werden. Das verursache ein „hohes Maß an Intransparenz und Orientierungslosigkeit“ beim Käufer. Die Grünen fordern nun klare Vorgaben „für die Reparierbarkeit und Austauschbarkeit von Einzelteilen“, so die verbraucherpolitische Sprecherin Nicole Maisch. Außerdem müsse das „Gewährleistungs- und Garantierecht“ zügig überarbeitet werden.


HINTERGRUND

Unter dem Motto „Murks? Nein Danke“ hat der Betriebswirt Stefan Schridde eine bürgerschaftliche Initiative gestartet gegen „geplante Obsoleszenz“. So lautet der Fachbegriff für Produktverschleiß, der auf bewusst eingebaute Schwachstellen zurückzuführen ist. Im Internet unter www.murks-nein-danke.de können Verbraucher Produkte melden, die kurz nach Ablauf der Garantiezeit kaputtgegangen sind. „Ich will ein Bewusstsein für das Problem schaffen“, sag Initiator Schridde. „Wir leben nicht in einer Wegwerf- Gesellschaft, wie immer gesagt wird, wir haben nur eine Wegwerf- Produktion.“ dpa/red

„Das ist so ähnlich wie mit der Lasagne für 1,50“

Verbraucherzentrale rät: Vorm Kauf gut informieren, Vorsicht vor Superbillig-Produkten, Händler kontaktieren

Über Produkte, deren Lebensdauer mit Absicht verkürzt wird, hat SZ-Redakteur Thomas Schäfer mit Philip Heldt von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gesprochen.

Herr Heldt, geplante Obsoleszenz: Das klingt gefährlich. Warum geben Firmen ihren Produkten absichtlich ein Verfallsdatum?
Philip Heldt: Ganz einfach: Weil es sich finanziell lohnt. Für die Unternehmen ist es ungünstig, wenn das, was sie verkaufen, Ewigkeiten hält – dann verkauft man nichts Neues und verdient letztlich kein Geld damit.

Welche Produkte sind besonders betroffen?
Heldt: Das geht durch die Bank – von Computern über Schuhe bis zu Möbeln. Besonders anfällig sind Elektrogeräte, weil es da weniger stört, denn die Innovationszyklen bei Handys oder Laptops sind relativ kurz. Ein fünf Jahre altes Handy kann viel, viel weniger als ein aktuelles Modell. Wenn das Handy also kaputt geht, ist der Leidensdruck nicht so hoch wie bei einer Waschmaschine, die immer noch genauso viel kann wie eine ein paar Jahre alte. Beim Handy aber ist der Ärger meist nicht so groß und man hat einen Grund, ein moderneres Gerät zu kaufen.

Seit wann ist das Phänomen verbreitet?
Heldt: Das ist die Frage, denn es ist ja schwer nachzuweisen. Der historisch bekannteste Fall ist aus den 1930er Jahren belegt, ein Kartell der Lampen-Hersteller in den USA, die nach Absprache die Lebensdauer von Glühbirnen nach und nach reduziert hatten. Auch die Nylon- Strumpfhose soll früher deutlich haltbarer gewesen sein, bewiesen ist das aber nicht.

Ist das alles nicht ein großer Skandal?
Heldt: Ja und nein. Wenn Hersteller das mit voller Absicht machen, um mehr verkaufen zu können, ist es durchaus ein Skandal. Anders sieht es aus, wenn ein Unternehmen billigere Bauteile einbauen muss, um im Wettbewerb bestehen zu können. Wenn sich dahinter keine böse Absicht verbirgt, das Produkt kurzlebiger zu machen, kann man das einem Unternehmen schlecht vorwerfen.

Was können wir Verbraucher tun?
Heldt: Vor allem sollte man sich vor einem Kauf immer gut informieren, etwa in den bekannten Test-Zeitschriften, die großen Wert speziell auf die Lebensdauer legen. Auch sollte man bei Superbillig-Angeboten stets skeptisch sein. Das ist so ähnlich wie mit der Lasagne für 1,50 Euro: Da muss man sich auch nicht wundern, wenn da was drin ist, was nicht drin sein sollte. Grundsätzlich empfehlen wir, die Gewährleistung zu nutzen und mit dem Händler zu reden, wenn das Produkt kaputt gegangen ist

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