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Zum Teil tödliche Gefahren: EU-Alarm-System meldet 26 Prozent mehr riskante Produkte





Brüssel
Zum Teil tödliche Gefahren: EU-Alarm-System meldet 26 Prozent mehr riskante Produkte
Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes,  19. Mai 2013, 10:02 Uhr
In der Europäischen Union sind im vergangenen Jahr deutlich mehr gefährliche Produkte entdeckt worden als im Vorjahr, wie die EU-Kommission gestern in Brüssel mitteilte. Viele davon kommen aus China.
Das Spiel mit den über 200 kleinen Magnetblöcken unter den Namen „neoKlicks“ war gerade erst herausgekommen. Da schlugen die europäischen Produktkontrolleure schon zu: Wegen tödlicher Verletzungsgefahr holten sie die Schachteln wieder aus den Regalen. Die Magneten könnten nämlich verschluckt werden und sich im Verdauungstrakt so gegenseitig anziehen, dass dieser beschädigt und ein chirurgischer Eingriff nötig würde. Dieser erst wenige Tage alte Vorfall ist in der neuen Statistik des Rapex-Alarm-Systems noch gar nicht enthalten. Gestern legte EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg die erschreckende Statistik für 2012 in Brüssel vor. 2278 Mal warnten die insgesamt 30 Rapex-Mitgliedstaaten (die 27 EU-Länder plus Norwegen, Island und Liechtenstein) sich gegenseitig vor gefährlichen oder riskanten Produkten. 26 Prozent mehr als im Jahr zuvor. 167 Mal löste Deutschland das EU-System zum Datenaustausch über gefährliche Produkte aus, die nicht dem Lebensmittelbereich angehören.

„Die Aufmerksamkeit wird immer größer“, sagte Kommissar Borg. Besonders häufig wurden Textilien (34 Prozent) beispielsweise wegen gesundheitsgefährdender Farben oder gefährlicher Einzelteile für Kleinkinder vom Markt genommen. Es folgen Spielzeug (19 Prozent), Elektrogeräte (11 Prozent), Kraftfahrzeuge (8 Prozent) und Kosmetika (4 Prozent). In 58 Prozent der Fälle stammten die Produkte aus China. „Das darf so nicht bleiben“, hieß es in Brüssel. Peking hat inzwischen eine eigene Behörde für Produktsicherheit (AQSIQ) eingerichtet, mit der sich die europäischen Stellen austauschen. Doch die Kooperation verläuft nicht so reibungslos, wie sich die EU-Partner das vorstellen.

Tatsächlich kommt der Rapex-Bericht mit erneuten, massiven Vorwürfen an Hersteller aus dem Reich der Mitte zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Nach Solar- und Netzwerktechnik hat die EU erst am Mittwoch dieser Woche hohe Schutzzölle (36,1 Prozent) auch auf chinesisches Porzellan verhängt. Zugleich gab es weitere Warnungen gegen Telekommunikationsausrüster aus Fernost. Die Vorwürfe sind immer dieselben: Peking subventioniere die eigenen Hersteller mit staatlichen Mitteln, sodass der Wettbewerb massiv verzerrt werde.

Drohungen aus China

Die EU-Solarbranche kämpft angesichts der Billigimporte aus dem Fernen Osten ums Überleben. Vor wenigen Tagen reagierte die Führung des Roten Reiches auf die Brüsseler Strafzölle mit unverhohlenen Drohungen: Die Volksrepublik werde „konsequente Maßnahmen“ ergreifen, „um unsere berechtigten Interessen und Rechte“ zu verteidigen.Dass Brüssel gerade jetzt mit dem jährlichen Rapex-Bericht belegt, wie oft chinesische Waren als gefährlich eingestuft und vom Verkauf ausgeschlossen wurden, dürfte die Lage kaum entspannen. Zumal die EU ihr Ringen um mehr Produktqualität künftig sogar noch ausweiten will. Mit dem Beitritt Kroatiens zur Gemeinschaft am 1. Juli wird die Zahl der Kommissare auf 28 erhöht. Der bisherige stellvertretende Premierminister Neven Mimica (60) soll sich dann gezielt um mehr Verbraucherschutz für die EU-Bürger kümmern. Sein erklärtes Ziel ist unter anderem die Produktsicherheit, hieß es im Vorfeld der Befragung durch das Europäische Parlament Ende des Monats. Bei allem Erfolg des Rapex-Systems sei man es nämlich leid, Jahr für Jahr immer weiter ansteigende Zahlen gefährlicher Artikel bekannt geben zu müssen. Kommissar Mimica soll enger mit den Herstellern zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass riskante Ware erst gar nicht in den Handel kommt.
 

Meinung


Erschreckend lange Liste
 
Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes

Giftige Farben in T-Shirts, Kuschelbären, die sich in ihre riskanten Einzelteile auflösen – die Liste der gefährlichen Produkte, die Europas Verbraucherschützer aus den Regalen holen, ist lang und erschreckend. Dabei ist die Zusammenarbeit mit den Herstellern gut angelaufen, sogar mit denen aus Fernost. Und so hilft Brüssel letztlich den asiatischen Produzenten, fit für den europäischen Markt zu werden. Doch noch immer kümmern sich zu wenige um die hohen Standards, die für den Schutz des europäischen Verbrauchers erlassen wurden. Die Frage, ob es reicht, die Güter zu stoppen, bevor sie Schaden anrichten, oder ob nicht auch andere drakonische Maßnahmen – gerade bei Wiederholungstätern – angebracht sein könnten, sollte erlaubt sein.



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