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Exklusiv: SZ-Interview mit dem Botschafter von Nordkorea in Berlin



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Berlin/Saarbrücken
Exklusiv: SZ-Interview mit dem Botschafter von Nordkorea in Berlin
Von  Werner Kolhoff, 
Von  Stefan Vetter, 
05. Februar 2014, 11:15 Uhr
Der Botschafter Nordkoreas in Berlin, Ri Si-Hong, hat der Saarbrücker Zeitung ein Exklusiv-Interview gegeben. Es ist sein erstes Interview für ein deutsches Medium überhaupt. Ri Si-Hong hat dabei die Entspannungsbereitschaft seiner Regierung gegenüber dem Süden unterstrichen. Allerdings war das Gespräch mit unseren Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff und Stefan Vetter auch immer wieder von scharfen Angriffen geprägt - ausdrücklich nicht gegen Südkorea, sondern gegen die USA.


 

Das Regime in Nordkorea unternimmt derzeit eine breit angelegte Charmeoffensive, um die für Ende Februar geplanten gemeinsamen Manöver Südkoreas und der USA zu verhindern. Gestern vereinbarten die Rot-Kreuz-Verbände beider Länder, dass noch in diesem Monat getrennte Familien wieder für ein paar Tage zusammenkommen dürfen. Gleichzeitig gab der nordkoreanische Botschafter in Deutschland, Ri Si-Hong, unserer Zeitung ein Interview, um für die Mitte Januar verkündete Entspannungsinitiative seiner Regierung zu werben.

Es ist das erste Interview eines nordkoreanischen Diplomaten in Deutschland überhaupt. Ri sagte: „Südkoreaner und Amerikaner sollten jetzt eine mutige Entscheidung treffen und sich mit uns an einen Tisch setzen, dann werden sie sehen, ob wir es ernst meinen oder nicht“. Man habe einseitig bereits alle militärischen Aktivitäten eingestellt, „die die andere Seite reizen könnten“. Zugleich forderte der Botschafter den Stopp der Manöver. Diese zielten auf Nordkorea, seien massiv und würden mit modernsten Waffen durchgeführt.

„Wir haben Südkorea nicht aufgefordert, seine eigenen, normalen Militärübungen aufzugeben“, sagte Ri. Den USA warf er vor, die koreanische Halbinsel zu destabilisieren, „um ganz Korea in ihre Hand zu bekommen und die anderen Großmächte zu bezwingen“. Der Botschafter ließ offen, wie Pjöngjang reagieren werde, wenn das Manöver doch stattfindet. Das seien Spekulationen, sagte er. „Jetzt sollten alle Seiten sich darauf konzentrieren, die Spannungen zu verringern“. Zu den Säuberungen an der Staatsspitze in Pjöngjang, denen im Dezember der Onkel von Machthaber Kim Jong-un zum Opfer fiel, sagte Ri, durch die „Beseitigung von Jang Song-Thaek und seiner Bande“ sei ein Umsturzversuch verhindert worden. Der nordkoreanische Botschafter hatte selbst um das Interview ersucht. wk/vet


 

„Südkorea und die USA können unsere Ernsthaftigkeit testen“


Nordkoreas Botschafter in Deutschland gibt zum ersten Mal ein Interview - Säuberungen an der Staatsspitze verteidigt

In seinem ersten Interview für ein deutsches Medium überhaupt hat Nordkoreas Botschafter in Berlin, Ri Si-Hong, die Entspannungsbereitschaft seiner Regierung gegenüber dem Süden unterstrichen. Allerdings war das Gespräch mit unseren Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff und Stefan Vetter auch immer wieder von scharfen Angriffen geprägt - ausdrücklich nicht gegen Südkorea, sondern gegen die USA.


Sie haben um dieses Interview gebeten. Aus welchem Grund?
Ri Si-Hong: Unser Verteidigungskomitee hat Südkorea angeboten, die gegenseitigen Beleidigungen einzustellen und alle feindlichen militärischen Aktivitäten zu stoppen. Wir werden entsprechende einseitige Maßnahmen ergreifen, um unsere Ernsthaftigkeit zu unterstreichen. Zugleich haben wir die südkoreanische und amerikanische Seite aufgefordert, ihre für Ende Februar geplanten gemeinsamen Manöver zu stoppen.

Wie wollen Sie die Ernsthaftigkeit Ihres Angebotes konkret beweisen?
Ri Si-Hong: Seit dem 30. Januar haben wir unsere militärische Präsenz in den besonders umstrittenen Regionen um die Inseln an der Westküste bereits verringert und alle Aktivitäten eingestellt, die die andere Seite reizen könnten. Wir sind bereit zu Gesprächen über Familientreffen und die Nutzung touristisch interessanter Orte, darunter das Kumgang-Gebirge. Südkoreaner und Amerikaner sollten jetzt eine mutige Entscheidung treffen und sich mit uns an einen Tisch setzen, dann werden sie sehen, ob wir es ernst meinen oder nicht.

Gilt das Angebot auch dann noch, wenn die geplanten Manöver stattfinden?
Ri Si-Hong: Die südkoreanisch-amerikanischen Manöver zielen auf unser Land. An ihnen nehmen über 200.000 Soldaten teil, und es werden modernste Waffen, atomare Flugzeugträger, U-Boote und strategische Bomber eingesetzt. Unsere Forderung an Südkorea ist es, diese Manöver zu stoppen, die sich zusammen mit ausländischen Kräften gegen die eigenen Landsleute richten. Wir haben Südkorea nicht aufgefordert, seine eigenen normalen Militärübungen aufzugeben.

Und wie werden Sie reagieren, wenn Südkorea und die USA darauf nicht eingehen?
Ri Si-Hong: Es ist jetzt nicht die Zeit Spekulationen anzustellen. Jetzt sollten alle Seiten sich darauf konzentrieren, die Spannungen zu verringern.

Geht es Ihnen mit diesem Interview auch darum, ihr Land in der deutschen Öffentlichkeit besser darzustellen?
Ri Si-Hong: Deutschland hat die Tragödie der Teilung überwunden und seine Einheit friedlich erreicht. Ich habe hier gelernt, dass die Deutschen und die anderen Europäer sehr viel Wert auf den Dialog legen und wünschen, dass sich auch die Lage auf der koreanischen Halbinsel auf der Grundlage dieses Prinzips entspannt. Wir als Nation, Nord- und Südkorea, können unsere Wiedervereinigung erreichen, wenn ausländische Kräfte sich nicht mehr einmischen.

Warum erklärt Nordkorea nicht, dass es auf weitere Atomtests verzichtet, die Anreicherung von Uran stoppt und die Gespräche über sein Atomprogramm wieder aufnimmt?
Ri Si-Hong: Die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel ist unser Ziel. Wir haben die amerikanische Seite immer wieder aufgefordert, Gespräche aufzunehmen, jedoch stellen die Amerikaner immer wieder Vorbedingungen. Ein Friedensvertrag zwischen Nordkorea und den USA würde automatisch zu einer nuklearen Abrüstung führen. Unsere atomaren Mittel dienen der Abschreckung, um uns vor den USA zu schützen, nicht um irgendjemanden zu bedrohen. Die Amerikaner aber haben auf der koreanischen Halbinsel und in der Umgebung sehr viele nukleare Waffen stationiert, um ihre strategische Asienpolitik zu realisieren. Ihr Ziel ist es, ganz Korea in ihre Hand zu bekommen, um die anderen Großmächte zu bezwingen.

Das ist eine gewagte These.
Ri Si-Hong: Gestern stand in der Zeitung US-Today ein Artikel, den unter anderem der Hollywood-Regisseur Oliver Stone mitverfasst hat. Er sagt, dass die USA die massive Militarisierung in Japan unterstützt haben, weil sie China abschrecken wollen. Genau das ist auch der Grund für die amerikanische Korea-Politik. Die USA benötigen die Destabilisierung der koreanischen Halbinsel und eine angebliche Bedrohung durch Nordkorea für ihre langfristige Asien-Strategie. Und wenn wir darauf reagieren, heißt es, wir provozieren. Aber wenn ein Dieb versucht, in mein Haus einzubrechen, werde ich nicht einfach auf dem Sofa sitzen bleiben.

In der Führung Ihres Landes gab es eine Säuberung. Bedeutet die Hinrichtung von Jang Song-Thaek, seiner Familie und seiner Mitarbeiter auch eine Abkehr vom Kurs der vorsichtigen wirtschaftlichen Reformen?
Ri Si-Hong: Die Gründe, warum Jang Song-Thaek und seine Bande beseitigt worden sind, sind Ihnen sicher bekannt. Sein Hauptverbrechen war der Versuch eines Umsturzes des Staates. Er hat versucht, in der Bevölkerung und der Armee Unmut zu stiften. Er hat alle Kontrollbehörden sich selbst unterstellt. Dadurch wurde großer Schaden für die Entwicklung unseres Landes und die Lebensverhältnisse der Bevölkerung angerichtet. Durch die Beseitigung von Jang Song-Thaek konnte man die Lage wieder normalisieren. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt beim Aufbau der Wirtschaft und bei der Verbesserung der Lebensverhältnisse unserer Bevölkerung wieder bedeutende Fortschritte machen können.

Dafür brauchen Sie Investitionen auch aus dem Ausland. Welche Garantien können Sie dafür geben?
Ri Si-Hong: Ja, wir sind sehr interessiert an Investitionen und Technologie aus dem Ausland. Mit elf Ländern in Europa haben wir bereits Investitionsschutzabkommen unterzeichnet; mit der EU verhandeln wir darüber. Außerdem gibt es seit Mai 2013 ein Gesetz über die Wirtschaftszonen, mit dem wir die Investitionen schützen. Auch garantieren wir, dass solche Betriebe nicht verstaatlicht werden. Ausländische Investoren können ihr Geld bei uns beruhigt anlegen.

 


Wie das Treffen mit Kims Berliner Statthalter zustande kam


Berlin. Mitte Januar reiste Ri Si-Hong zu einer Botschafterkonferenz von Berlin nach Pjöngjang. Es ist unklar geblieben, ob Nordkorea seine Diplomaten seinerzeit alle nach Hause beorderte, um die Säuberungen auch unter ihnen fortzusetzen. Denn im Dezember war der Onkel des derzeitigen Machthabers Kim Jong-un, Jang Song-Thaek, hingerichtet worden - mitsamt etlicher „Komplizen“ und angeblich auch seiner kompletten Familie. Ri aber kehrte wohlbehalten zurück, mit einem ungewöhnlichen Auftrag im Gepäck. Er sollte ein Interview geben. Für die „Entspannungsinitiative“ des „Nationalen Verteidigungskomitees“ und gegen die bevorstehenden südkoreanisch-amerikanischen Frühjahrsmanöver. Si Hong-Ri wurde damit Teil einer „Charmeoffensive“, die freilich nach Einschätzung von Beobachtern womöglich nur als Vorwand für umso schärfere militärische Drohgebärden herhalten muss, falls das Manöver trotzdem stattfindet. Auch die Botschafter in London und Peking gaben letzte Woche schon Interviews.
Ri Si-Hong suchte nun von sich aus zum ersten Mal den Kontakt zur deutschen Presse. Nur einmal war bisher über ihn berichtet worden - als er in Berlin an der Havel ohne Angelschein angelte und dabei erwischt wurde. Aktuelle Fotos von ihm gab es nicht. Die Botschaft machte in den Vorgesprächen zur Bedingung, dass nur Fragen zum Vorstoß des Verteidigungskomitees gestellt werden dürften, und dass Worte wie „Diktatur“ oder „isoliertes Land“ nicht vorkommen dürften. Außerdem seien die Fragen vorher schriftlich einzureichen. Allerdings war der Gesprächsverlauf dann viel freier und der Botschafter gab sich entspannt. Sein sehr gut deutsch sprechender Stellvertreter übersetzte - korrekt, wie ein externer Dolmetscher anhand des Tonbands hinterher feststellte. Auf eine Prüfung des ausgeschriebenen Interviews verzichtete Ri. Er vertraue der Presse.
Das Treffen fand in der Botschaft im Berliner Stadtzentrum statt. Zu DDR-Zeiten arbeiteten hier über 100 Diplomaten, jetzt nur noch 15. Einen Teil des Komplexes hat Nordkorea an ein stark frequentiertes Hotel für Rucksacktouristen vermietet. An den Wänden des Empfangszimmers der Mission hängen Bilder des „großen Führers“ Kim Il-Sung und des „geliebten Führers“ Kim Jong-Il, Großvaters und Vater des jetzigen Machthabers. Der Botschafter und sein Stellvertreter trugen diese Köpfe auch als Anstecker an ihren Revers. Kim Jong-un, so war zu erfahren, hat diese Art des Personenkults für sich verboten. Noch. wk/vet

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