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Geisteswissenschaften an der Saar-Uni stehen vor radikalen Einschnitten – im Land regt sich kaum Protest





Saarbrücken
Geisteswissenschaften an der Saar-Uni stehen vor radikalen Einschnitten – im Land regt sich kaum Protest
Von  Johannes Kloth, 
18. Juni 2014, 10:39 Uhr
Die in der vergangenen Woche bekannt gewordenen Sparpläne an der Saar-Uni betreffen vor allem die Geisteswissenschaften. Die stehen vor einem höchst fragwürdigen Um- und Abbau. Doch die Kultur-Elite des Landes schweigt. Zumindest bislang.
Bis 2020 muss die Universität des Saarlandes etwa 20 Prozent ihrer Ausgaben zurückfahren, um Sparvorgaben der Landesregierung zu erfüllen. Seit Monaten wird im Land diskutiert, wie dies zu schaffen ist. Dabei sah es lange so aus, als würden ausgerechnet die sonst bei jeder Sparrunde betroffenen Geisteswissenschaften diesmal glimpflich davonkommen. Ein von der Regierung in Auftrag gegebenes externes Gutachten hatte Anfang des Jahres die Debatte zunächst in Richtung großer (Jura, BWL) und hochspezialisierter Fächer (Zahnmedizin, Mechatronik) gelenkt – und einen allgemeinen Aufschrei ausgelöst: Richterverbände warnten vor einem Ende der Juristenausbildung, Zahnärzte vor einer Unterversorgung mit Praxen. Politiker bemühten sich, zu beschwichtigen: Alles nur Vorschläge, Entscheidungen würden immer noch im Saarland gefällt.

Vergangene Woche nun hat das Uni-Präsidium ein eigenes Konzept in Umlauf gebracht, in dem von dem externen Gutachten nicht mehr viel zu erkennen ist. Stattdessen sind hier – wieder einmal – besonders die Geisteswissenschaften betroffen. Rechnet man die geplanten Sparmaßnahmen alleine für die heutige Philosophische Fakultät I zusammen, so verlöre diese bis 2020 fast die Hälfte ihrer Mittel. Dabei sollen einige Fächer „verlagert“ werden, andere ganz „entfallen“, wie es in dem Papier heißt, der Rest mit den Rechtswissenschaften zu einer sogenannten „Europafakultät“ verschmelzen.

Nun gibt es gute Gründe, generell an Sparmaßnahmen im Bereich der Hochschulen zu zweifeln. Immer wieder weist Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) auf die Bedeutung der Uni als „stärkstes Instrument im Kampf gegen den demographischen Wandel“ hin. Eine Studie des Saarbrücker Soziologen Eike Emrich zeigt zudem, dass für jeden in die Uni investierten Euro 1,63 Euro im Land verbleiben. Doch selbst wenn man die Sparpläne als gegeben hinnimmt, erscheinen sie bezogen auf die kulturwissenschaftlichen Fächer erstaunlich konzeptlos – und werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten:

So schlägt das Papier zum Beispiel eine künftige Finanzierung der Evangelischen und Katholischen Theologie durch die Kirchen vor. Wie eine wissenschaftlich fundierte Theologie, die in Saarbrücken in der Vergangenheit streitbare Köpfe wie den Theologen Gotthold Hasenhüttl hervorgebracht hat, weiter gewährleistet werden soll, wenn sie komplett in den Händen der Kirche liegt, bleibt unklar. Ebenso undurchsichtig ist der Plan, Musikwissenschaften an die Hochschule für Musik Saar (HfM) und Kunstgeschichte an die Hochschule für Bildende Künste Saar (HBK) zu „verlagern“. Wie man die unterschiedlichen Ausbildungskonzeptionen zusammenführen möchte, wie die sinnlich-künstlerische Ausrichtung der Hochschulen mit der forschungsorientierten intellektuell-rationalen der Universität zusammenpasst, bleibt offen. Geografie dagegen soll ganz „entfallen“ – und würde somit ausgerechnet an einer neu geschaffenen „Europafakultät“ fehlen. Dass die auslaufenden Fächer Soziologie und Slavistik reanimiert würden, hatte ohnehin niemand erwartet. Klar scheint, dass nach den aktuellen Plänen auch die einst vom Historiker Richard van Dülmen konzipierten, in ihrer Form einzigartigen „Historisch orientierten Kulturwissenschaften“, die Studenten aus ganz Deutschland ins Saarland ziehen, am Ende wären.

Gravierende Einschnitte also. Trotzdem gab es vergangene Woche irritierenderweise kaum Resonanz auf das Papier, geschweige denn einen Aufschrei. Noch 2005 kritisierte die „Saarländische Gesellschaft für Kulturpolitik“, dass sich im Saarland „bisher kein bedeutendes, selbstbewusstes und tief in der Kultur und Geschichte des Landes verwurzeltes Bildungsbürgertum gebildet hat, das die kulturellen Defizite der Bevölkerung und der politischen Eliten korrigieren könnte“. Es wäre für den Verein, der sich auch der „Stärkung der Geisteswissenschaften“ verschrieben hat, jetzt an der Zeit gewesen, Farbe zu bekennen. Doch die über 100 Mitglieder schwiegen und bestätigten so ihre eigene Kritik. Kaum verwunderlich, dass in diesem Klima der saarländische Unternehmerverband wiedermal fröhlich das ewiggestrige Lied von den brotlosen Geisteswissenschaftlern anstimmen konnte – unwidersprochen.

Auf Nachfrage bei den größten Kultur-Institutionen des Landes besinnt man sich dann doch noch auf Protest: Einen weiteren Abbau der Geisteswissenschaften halte er für eine „Katastrophe“, sagt der Chef des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Meinrad Maria Grewenig zur SZ. Deren Forschungs- und Lehrkanon sei bereits auf ein Minimum verdichtet worden. Mit den „Historisch orientierten Kulturwissenschaften“ habe man gerade erfolgreich einiges an Abbau aufgefangen und eine neue, integrative Perspektive der historischen Kulturforschung geschaffen.

Grewenig bringt zudem einen interessanten Gedanken ins Spiel: Die Finanzierung und Lehre „nutzungsorientierter Fächer“ – Ingenieurwissenschaften, Medizin, Betriebswirtschaft, – werde „mittelfristig im Zuge weiterer Mangeldiskussionen“ wohl auf „die Nutzer“, also die Unternehmen übergehen. Somit seien die Geisteswissenschaften die „einzige integrale Aufgabe der Universität, die der Politik und der Regierung“ verblieben. Diese zu kappen, entziehe der politischen Existenz des Saarlandes ihre Legitimations-Basis. Kultur, so Grewenig, sei nun mal keine Ellenbogenveranstaltung, eine Schrumpfungsdebatte zu Lasten der Kreativen und ihrer geisteswissenschaftlichen Forscher zukunftsschädlich.

Auch der neue Leiter der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Roland Mönig, betont die Bedeutung eines „intakten geisteswissenschaftlichen Umfelds“ für das Land, insbesondere das Saarlandmuseum. Und Staatstheater-Generalintendantin Dagmar Schlingmann versucht sich an einer Erklärung für das Schweigen im Land: Die Geisteswissenschaften hätten – wie die Kultur – in Spardebatten stets das Problem, dass sie kein Wirtschaftsgut seien. „Wir können nicht so einfach in harten Fakten darlegen, was wir dem Land ‚bringen'“.

Natürlich hat Schlingmann recht, es geht um Überzeugungsarbeit. Doch fragt man sich: Wenn nicht einmal die Kultur-Elite des Landes diese zu leisten bereit ist, wer dann?


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