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Jedes Gramm zählt

Wie die Entwickler versuchen, Autos leichter zu machen.

Von Joachim Wollschläger

  Zwei Kilogramm Gewichtsersparnis. Das klingt nicht revolutionär – schon gar nicht bei einem Auto, das über 1500 Kilogramm auf die Waage bringt. Doch Lars Reifenstein, Leiter Karosserieentwicklung Ford Kuga, stellt klar, dass die Möglichkeit, das Fahrzeuggewicht um zwei Kilo zu senken, durchaus erhebliche Anstrengungen rechtfertigt. „Wir kämpfen beim Gewicht um jedes Gramm. Zwei Kilo sind da nicht zu vernachlässigen.“
 
Die Ersparnis bringt beim Kuga ein Kotflügel aus Kunststoff – eine Konstruktion, die den Ingenieuren bei Ford eine Menge Kopfzerbrechen abverlangt hat. Vorrangig war das Gewicht ausschlaggebend, doch das neue Material bringt noch weitere Vorteile mit sich: Beispielsweise lässt sich Kunststoff weit besser auch in komplexe Formen bringen als Stahl oder Aluminium. „Dadurch bekommt man eine Menge stilistischer Freiheiten“, sagt Reifenstein. „Unter anderem konnten wir das Befestigungskonzept für den Kotflügelgrill gleich im Kotflügel integrieren.“ Außerdem hat der Einsatz des Kunststoffkotflügels wegen des besseren Fußgängerschutzes zur Folge, dass der Kuga bessere Noten bei den Sicherheitseinstufungen bekommen hat. Und wegen der höheren Flexibilität des Materials gibt es auch Bonuspunkte bei der Versicherung.

Doch gleichzeitig bringt die Integration eines Kunststoffkotflügels in eine Metallkarosserie auch erhebliche Probleme mit sich. Während Heckklappen und Stoßfänger häufig aus Kunststoff sind, ist der Einsatz des Materials direkt in der Karosserie nicht so einfach. „Die erste Frage, die sich stellt, ist die, ob der Kotflügel vor oder nach dem Lackieren integriert wird“, erzählt Reifenstein. „Letztlich haben wir uns dafür entschieden, den Kotflügel gemeinsam mit der Karosserie zu lackieren.“ Der Grund für die Entscheidung: Obwohl jeweils exakt der gleiche Lack verwendet wird, entstehen bei unterschiedlichen Lackier-Prozessen Farbnuancen, die die einheitliche Wahrnehmung stören. „Bei Teilen, die klar abgegrenzt sind, ist das nicht so tragisch“, sagt Reifenstein. Haube, Kotflügel und Türen gehen aber einheitlich als eine Fläche ineinander über, so dass leichte Unterschiede bereits ins Auge stechen.“

Beim Lackieren ist die Karosserie mehr als 20 Minuten Temperaturen über 200 Grad ausgesetzt. Während solche Temperaturen auf Metall kaum Auswirkungen haben, ist Kunststoff extrem hitzeempfindlich. „Es gibt weltweit nur einen Kunststoff, der überhaupt die Anforderungen an Temperaturbeständigkeit und Lackhaftung erfüllt“, erklärt Reifenstein. Doch auch dieser, ein Produkt der französischen Firma Sabic, dehnt sich bei Hitze weit stärker aus als der Rest der Karosserie. „Die Herausforderung bestand deshalb darin, den Kotflügel vor der Montage so zu fixieren, dass er sich in mehrere Richtungen bewegen und ausdehnen kann ohne instabil zu sein.“ Die Lösung war, den Kotflügel nur in der Höhe des Außenspiegels fest zu montieren. „In Richtung Türspalt und Haubenspalt ist er während des Lackierprozesses gleitend gelagert. Da kann er sich ausdehnen, ohne auf signifikanten Widerstand zu stoßen.“ Erst nach der Lackierung wird er auch hier mit zusätzlichen Schrauben vollständig befestigt.

Zwar hat sich das System des Kunststoff-Kotflügels beim Kuga bewährt, doch sei dies bisher nur bei einem Nischenfahrzeug sinnvoll. „Wenn man über Volumenfahrzeuge spricht, die über eine Produktion von 100 000 Stück pro Jahr hinausgehen, dann rechnet sich das betriebswirtschaftlich nicht mehr“, sagt Reifenstein. Doch auch das könne sich angesichts der Diskussion um den Kraftstoffverbrauch noch ändern. „Wenn die Gewichtsthematik an Bedeutung gewinnt, wird das Thema auch bei Brot- und Butter-Autos relevanter.“ Dabei muss sich der Einsatz von Kunststoff nicht auf den Kotflügel beschränken. „Ich kann mir auch vorstellen, die Türen teilweise aus Kunststoff zu machen“, sagt Reifenstein. Motorhauben jedoch würden weiterhin aus Metall sein. Bei solchen horizontalen Flächen sei Metall angesichts der Gefahr der Verformung noch für lange Zeit das Mittel der Wahl.