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Das beste Auto der ganzen Welt

Ein persönlicher Blick auf den Capri, der schönste Ford, der je im Werk Saarlouis vom Band lief.

Von Oliver Schwambach

  Es war ein unglaubliches Auto. Es war das Auto in unserer Straße, in unserem Ort, in der ganzen Welt. Na ja, in dem Teil, den wir halt kannten, so mit sechs, sieben. Mein Freund Detlef mochte vor allem die lange Schnauze. Mein Freund Thomas behauptete, ganz genau zu wissen, dass der Wagen also mindestens so um die 100 PS hat – tatsächlich waren es bei diesem 2300 GT sogar 108 PS. Reihum zogen wir uns am Chrombügelgriff der Fahrertür hoch, um besser in den Innenraum lugen zu können – der hatte sogar einen Drehzahlmesser! Wir waren sicher, dass es nichts Großartigeres auf vier Rädern geben könnte als diesen schneeweißen Ford Capri. Höchstens vielleicht noch der zebragestreifte Jeep Gladiator, auf dem sich bei „Daktari“ der schielende Löwe Clarence lümmelte. Aber das war ja im Fernsehen. Unser alltäglicher Autokosmos bestand Anfang der 70er aus R4, VW Käfer, Peugeot 204 und dem Fiat 124 meiner Eltern, den mein Onkel jedes Jahr neu lackieren musste, weil er schneller rostete, als er fuhr.
 
Der Capri unseres Nachbarn war da was ganz anderes. Der sah nach Tempo, nach großer Welt aus. Und wenn der Nachbar den 2,3-Liter Doppelvergaser- Motor seines Capri morgens startete, war das ein herrliches Brüllen. Klar, dass es da für mich auch im Spielzeugladen keine Diskussion gab. Es musste der weiße Capri von Siku sein. Mit Polizei-Schrift drauf, der ultralangen Funkantenne und der Riesen-Flüstertüte auf dem Heckdeckel, bei deren Donnerruf garantiert jeder Gangster vor Schreck erstarrte. Genauso wie er in groß, „weiße Maus“ genannt, bei der Autobahnpolizei in Hilden in Dienst war. Von 1969 bis 1971 jagten die Polizisten mit ihren fünf schnellen Capri 2300 GT die Verbrecher. Davor tat übrigens der Porsche 365 und danach der Porsche 911 Targa bei der Autobahnpolizei in NRW Dienst – aber das war ja überhaupt kein Vergleich zum Capri.

Selbst mit den Jahren blieb der Capri immer ein ernst zu nehmendes Auto. Nicht wie der Opel Manta. Keiner wäre je auf die Idee gekommen, Witze über den Capri zu machen. Ein Capri hätte sich auch nie wie der Manta von Til Schweiger in einer Filmklamotte vorführen lassen. Der Opel war zwar auch ein Sportcoupé – und vorurteilslos betrachtet gar kein so schlechtes. Aber bei ihm fuhr stets ein Image-Problem mit. Den Manta chauffierten halbstarke Linkslenker – der Ellbogen war Sommer wie Winter auf dem runtergelassenen Seitenfenster zementiert. Den Capri fuhren coole Typen. So wie Doyle und Body, die beiden CI 5-Agenten aus der britischen TV-Serie „Die Profis“ (1977-1981). Ihre Dienstwagen, Escorts, vor allem aber Capris, hatten den coolen Look, waren die unverzichtbaren Autos zu Schlaghosen und Lacklederjacke. Body und Doyle fuhren immer auf der letzten Rille, obwohl die betagte hintere Starrachse mit Blattfederung des Capri das nicht mochte. Erstaunlicherweise bekamen ihre Fords dabei nie einen Kratzer – höchstens mal eine von Kugeln durchsiebte Frontscheibe –, während andere Fabrikate reihenweise in die Luft flogen. Der Capri, ein Klasse- Wagen eben.

Dabei war der Capri, von dessen erster Baureihe bis 1975 allein über 147 000 Einheiten in Saarlouis vom Band liefen, für Ford fast schon einen Tick zu exklusiv. Ford und Opel, das waren damals in den 70ern die Gefährte des kleinen Mannes, wenn man keinen Käfer wollte. Der goldene Ford-Slogan „Die Linie der Vernunft“ – noch aus den Tagen des legendären 17 M – hatte sich eingeprägt. Sonntags konnte man mit seinem Ford im dunklen Anzug zur Kirche fahren, aber eben auch samstagnachmittags nach dem Autowaschen in Feinripp und Hosenträgern zum Fußballplatz. Grundehrliche Autos eben, keine Gigolos wie die kapriziöse Alfa Giulia von Eisdielen-Besitzer Vincenzo, der unten in der Straße wohnte und allen Frauen schöne Augen machte. Wenn’s regnete, ging Vincenzo zu Fuß. Da sprang die Guilia nicht an. Der Escort dagegen, den sich die Eltern meines Freundes Thomas kauften, blieb nie liegen. Wie’s der Name schon sagt: Er war ein treuer Begleiter. Die erste Serie, wegen des Kühlergrills Hundeknochen- Escort getauft, hatte sogar noch richtig Stil – eben fast ein kleiner Capri. Und selbst die schwachbrüstige 40-PS-Basisvariante versprach viel mehr: Schließlich rasten Dieter Glemser und Hans Heyer in ihren Escorts mit den dicken Radhausbacken in der Deutschen Rennsport Meisterschaft Anfang der 70er allen anderen davon. Ford fahren, ja, das war damals was.
 
Leider driftete der Autobauer 1980 mit der dritten Escort-Reihe völlig in die Design-Anonymität ab. Kastig, kantig, unscheinbar. Aber auch kaum verwunderlich: Alle Kompaktwagen-Konstrukteure versuchten eben seinerzeit krampfhaft den VW Golf, den Erfolgswagen dieser Jahre schlechthin, zu imitieren. Doch das glückte weder außen noch in den Fahreigenschaften. Gegen einen Golf GTI, der sich wieselflink wie ein Kart manövrieren ließ, wirkte selbst der sportliche Escort XR 3 mit 96 PS behäbig. Doch es kam noch ärger: Der Design-Tiefpunkt war 1983 mit dem Orion, einer Stufenheck-Version des Escort, erreicht, die wohl ausschließlich von Rentnern bewegt wurde. Da wurde es höchste Zeit, mit dem Namen Focus einen, wie sich heute zeigt, höchst erfolgreichen Neubeginn zu wagen.

Für den Capri allerdings fehlt bis heute ein echter Thronfolger. Dabei hat VW den Scirocco wiederbelebt, der Mini ist mit Glanz auferstanden, Alfa bringt just die Giulietta wieder in Fahrt. Vielleicht tun die von Ford ja auch noch was. Bis dahin bleibt nur der Blick in den Klassikermarkt: ein bildschöner 2,3 Liter Capri von 1970 für 10 900 Euro. Da müsste man doch zuschlagen…