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Wie in Saarlouis ein neuer Ford auf die Welt kommt

Geheimprojekt Focus III – Entwickler arbeiten hinter verschlossenen Türen

Von Thomas Sponticcia

 Papa“ nennen ihn alle. Er selbst reagiert mit ungeheurem Stolz auf den Nachwuchs in der Familie. Seine Aufgabe als „Familienvorstand“ füllt Gunnar Herrmann (50) den Erwartungen entsprechend mit Elan aus. Auch der Sprössling selbst entwickelt sich dem Vernehmen nach schon hervorragend. Leider darf man ihn noch nicht sehen. Die Familie macht noch ein großes Geheimnis um ihn – die „Ford“-Familie.

Gunnar Herrmann gilt als der Vater des neuen Focus III. Die beiden Vorgänger hat er auch schon entwickelt. Design, Dynamik, Fahrsicherheit, Komfort und die Freude an Elektronik im Fahrzeug sollen mit dem Focus III alles übertreffen, was Ford jemals an den Start gebracht hat. Zumal das Unternehmen mit dem Focus III gleichzeitig eine neue Strategie verfolgt. Erstmals soll sich eine Ford-Entwicklung im Rahmen des Konzepts „One Ford“ weltweit verkaufen. Auf 122 Märkten.
 
Ein riesiger Vertrauens-Vorschuss vor allem für den „Focus-Papa“, der „das Baby“ auf einen guten Weg bringen muss. Ford-Chef Alan Mulally hat im Juli 2008 die globale Strategie „One Team, one Plan, one Goal“ (ein Team, ein Plan, ein Ziel) vorgestellt. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Strategie besteht darin, Fahrzeuge des Kleinwagen-Segments und der Kompaktklasse in die USA zu bringen, jeweils basierend auf einer globalen Architektur. Ford-Vizepräsident Derrick Kuzack, zuständig für die Produktentwicklung weltweit, setzt auf Herrmann, hat ihn mit der Neuentwicklung beauftragt. Und ihm sehr konkrete Vorstellungen mit auf den Weg gegeben. Dem Chef-Entwickler wird dabei nicht bange. Er kennt die Geschmäcker der Käufer, ob sie in Hamburg sitzen oder New York. Herrmann ist ständig weltweit unterwegs.

Eine seiner Erkenntnisse für das „Weltauto“: Die Amerikaner tendieren eher zu ruhigen, langen Fahrten mit konstanter Geschwindigkeit und entsprechend hohen Anforderungen an die Federung. Während die Europäer die fahrtechnische Herausforderung suchen, deutlich mehr auf Dynamik, Tempo und Lenkkomfort setzen. Beide Geschmäcker lassen sich nach Überzeugung von Herrmann mit dem neuen Focus III verbinden. Denn rund 80 Prozent der Fahrzeugteile sind für alle Märkte konzipiert, der Rest erfüllt die regionalen Ansprüche. Nicht nur für Herrmann und seine rund 1500 Ingenieure, sondern auch für das Ford-Werk in Saarlouis wird der Focus III zur bisher größten Herausforderung. Der Wagen soll für alle westeuropäischen Märkte ausschließlich an der Saar produziert werden. Und die Arbeitsplätze im Saarlouiser Werk sichern, das am 12. Juni mit einem „Tag der offenen Tür“ sein 40- jähriges Bestehen feiert. Die zentrale Produktion an einem Standort soll gleichzeitig auch dazu beitragen, die Kosten innerhalb der Ford Motor Company weiter zu senken.
 
Für den Fahrer des Focus III soll mit diesem Auto ein neues Zeitalter beginnen. Angefangen mit der Art der Kommunikation. Wer am Steuer sitzt, spricht künftig mit seinem Fahrzeug. Nicht aus Verzweiflung, sondern zur Erhöhung des Komforts. Denn viele Anweisungen werden einfach nur noch mit der Stimme erteilt. Etwa, wenn Musik vom CD- oder MP3-Player erwünscht ist, das Radio sich einschalten soll oder das Telefon. Diese Form der Kommunikation soll gleichzeitig die Verkehrssicherheit erhöhen, denn der Fahrer kann beide Hände ständig am Lenkrad halten, erläutert Herrmann. Die neuen elektronischen Möglichkeiten eröffnen sich vor allem durch eine noch frische Zusammenarbeit zwischen Ford und dem US-Software-Riesen Microsoft. Mit dem Ziel, weitere Formen sinnvoller elektronischer Kommunikation zwischen Fahrer und Fahrzeug zu finden. Der neu geschaffene Komfort im Auto soll nach den Plänen der Ford Motor Company in Detroit dem Focus III möglichst auch den Anschluss an die Oberklasse bringen. Vom Verbrauch her dringt der neue Focus ebenfalls zu neuen Dimensionen vor. Zehn bis 20 Prozent weniger gegenüber seinen Vorgängern sollen drin sein.
 
Inzwischen steigt die Spannung im Saarlouiser Werk. Mit insgesamt 20 000 ausgewerteten Testkriterien „im Gepäck“ wechseln große Teile der Entwicklungsmannschaft gerade an die Saar. Andreas Bruditz (39) koordiniert vor Ort die heiße Phase des Anlaufs der Produktion bis Dezember. Eine Mammut-Aufgabe für alle Beteiligten, denn bis dahin müssen gleichzeitig täglich 1920 Focus vom aktuellen Typ ohne Verzögerungen vom Band laufen. Den erfahrenen Manager, der seit 15 Jahren zur Ford-Familie gehört, kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Schließlich hat er auch schon in Russland für Ford die Produktion im Werk St. Petersburg mit aufgebaut. Etwa 110 Mitarbeiter sind mit speziellen Aufgaben in die Vorbereitungen für die Produktion des Focus III eingebunden. Hinzu kommen weitere 300 Experten, zu denen auch Vertreter der Zulieferer gehören. Alle Beteiligten müssen einen äußerst eng vertakteten Zeitplan erfüllen.
 
Im Werk selbst gilt strengste Geheimhaltung. Wer zum Team des Vorserienbaus – Plot Plant genannt – gehört, kommt nur mit einem speziellen Chip durch ein Drehkreuz in die Sonderhalle. Die ist mit zusätzlich eingezogenen Wänden so abgesichert, dass Außenstehende nicht die geringste Chance haben, einen Blick auf das neue „Schmuckstück“ zu werfen.

Am Computer gibt es den Focus schon in allen Varianten. Jetzt geht es darum, ihn auch in den Produktionshallen mit möglichst viel „Leben“ zu erfüllen. Die Schulungen der Mitarbeiter laufen bereits. Allein hierfür nimmt Ford einen Millionenbetrag in die Hand, damit nachher alles reibungslos läuft. Zu den weiteren Investitionen schweigt das Unternehmen aus Wettbewerbsgründen. Alle im Team fiebern diesmal schon besonders den Werksferien im Juli entgegen. In dieser Zeit werden die ersten Focus III gebaut. Und nach und nach alle Mitarbeiter im Werk mit den geänderten Abläufen der Produktion vertraut gemacht. Spätestens Anfang Dezember muss jeder Handgriff sitzen. Die Beschäftigten im Werk sind jetzt schon stolz auf „den Zuwachs“ in der Familie. „Das ist unser Ford“, hört man immer wieder in Saarlouis. Ein Fahrzeug, das man künftig weltweit auf den ersten Blick erkennen soll.